Bislang wenig beachtet ist, wie unterschiedlich gut die Parteien mobilisieren. Ausgerechnet die FDP, die seit Anfang Jahr als Wahlsiegerin gilt, hat die stimmfaulsten Sympathisanten. Dass die Freisinnigen beim Wähleranteil trotzdem zulegen könnten – laut GfS-Umfrage auf 16,7 Prozent –, zeigt, was möglich wäre: Würden ihre Anhänger so fleissig an die Urne gehen wie der Durchschnitt, käme es nächstes Wochenende zu einem historischen Triumph – gemäss derselben Umfrage würde die FDP dann einen Wähleranteil von über 20 Prozent erreichen und die SP als bisher zweitstärkste Partei überholen.

Als Bürger bekommt man indes den Eindruck: Wie viel welche Partei gewinnt oder verliert, ist für eine zentrale Frage fast unerheblich – für die Zusammensetzung des Bundesrats. Die hochgelobte Konkordanz, die Zusammensetzung des Bundesrats gemäss den Parteistärken, wird zur Farce. Mitte-Links-Politiker stellen der SVP immer neue Bedingungen, unter denen sie ihr einen zweiten Bundesrat zugestehen würden. Auch in der FDP, die grundsätzlich für einen zweiten SVP-Sitz einsteht, bröckelt die Unterstützung, vor allem aus atmosphärischen Gründen: Erst kündigte der SVP-Präsident den bürgerlichen Schulterschluss, dann griffen SVP-Kreise den verunfallten FDP-Präsidenten persönlich an. Das wird manchen Freisinnigen davon abhalten, einen zweiten SVP-Bundesrat zu wählen. Weil sich die SVP dessen bewusst sein muss, stellt sich die Frage: Will sie wirklich einen zweiten Sitz? Oder stellt sie das Ziel, den Wähleranteil zu maximieren, über alles – was nur geht, wenn sie sich auch auf Kosten der Bündnispartner profiliert?

So unterschiedlich die Motive von Mitte-Links, von FDP und SVP im Poker um die Bundesratszusammensetzung auch sind, für den Wähler bleibt ein schaler Nachgeschmack: Das Fell des Bären wird schon verteilt, bevor er erlegt ist. Die Prognose sei gewagt: Egal, wie die Wahlen ausgehen, im Bundesrat bleibt wohl alles beim Alten.

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