Das BAG irrt: Wir brauchen keine Fettpolizei

«Die Fettpolizei hat mich verhaftet», schreibt ein 12-jähriges Mädchen ihrer Freundin per Handy. «Sie sagten, ich sei zu dick, und haben mich einfach mitgenommen.» Statt gemeinsam mit ihrer Freundin ins Kino zu gehen, muss das Mädchen bei der Fettpolizei antraben und mit anderen adipösen Kindern sportliche Ertüchtigungsübungen ausführen. Als Verpflegung gibt es nur noch Gemüse, Joghurt und Wasser. Auch die Eltern des Mädchens werden von der Fettpolizei heimgesucht. Auch sie müssen mitmachen, ihre Ernährung umstellen, sich mehr bewegen – und sich vertraglich verpflichten, am Fett-weg-Programm teilzunehmen.

Diese Episode stammt nicht aus einem Science-Fiction-Roman. Geht es nach den Vorstellungen von Dagmar l’Allemand, leitende Ärztin am Ostschweizer Kinderspital und Vorstandsmitglied des schweizerischen Fachvereins Adipositas im Kindes- und Jugendalter, könnte sie bald bittere Realität für Tausende Schweizer Familien werden. Sie propagiert mit anderen Fachleuten in einer vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) finanzierten Studie, dass 118 000 Schweizer Kinder dringend ein mehrjähriges Fett-weg-Programm durchlaufen müssen. Die Kinder «müssten» behandelt werden, da sie an Gelenk- und Kreislaufproblemen oder unter Bluthochdruck litten.

Bisher durchliefen nur wenige Kinder diese Therapien, die seit Anfang Jahr von den Krankenkassen bezahlt werden. Das Potenzial für die Therapeuten ist somit riesig. Die Kostenfolge für die Allgemeinheit auch: Eine Behandlung schlägt mit 8400 Franken zu Buche. Müssen die Kassen alles übernehmen, steigen die Gesundheitskosten in der Grundversicherung um fast eine Milliarde Franken.

Das staatliche Fett-weg-Programm für Kinder ist ein weiteres überdeutliches Zeichen für den Präventionswahn, den unsere Gesellschaft erfasst hat. Die Lust des medizinischen und therapeutischen Personals, die Menschen zu normieren und sie durch Schablonen zu pressen, lässt sich kaum mehr stoppen. Das Bundesamt für Gesundheit kämpft dabei an vorderster Front dafür, dass immer mehr Formen des menschlichen Lebens für krankhaft erklärt werden. Gesund ist das nicht mehr.

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