Die Integration ins Mutterhaus bringt ein Sparpotenzial, das offenbar so verlockend ist, dass man bereit ist, den Prestigeverlust hinzunehmen, der mit dem Meucheln des Namens des ältesten Finanzunternehmens auf dem Bankenplatz Zürich allenfalls verbunden sein könnte. Die Zeit ist kurzlebig, die Konkurrenz hart und für Denkmalschutz mit Namenspflege ist weder Geduld noch Geld vorhanden. Die Rechnung wird aufgehen, die Kunden und die Öffentlichkeit werden beim rauen Seegang im Meer der Finanzen und der Schulden bald vergessen haben, dass es einst eine Bank Leu gab. Nur die Cafeteria Al Leone im Erdgeschoss des Hauses der Leuenbank an der Bahnhofstrasse wird vielleicht noch eine Weile an das Traditionshaus erinnern, das 2005 noch mit grossem Aufwand sein 250-Jahr-Jubiläum feiern konnte.

Die Geschichte der Bank Leu ist insofern interessant, als ihre Wurzeln ins Regierungssystem des damaligen Stadtstaates zurückreichen. Johann Conrad Heidegger (1710–1778) schlug vor, eine Zinskommission einzusetzen, um die Gelder von Zürcher Bürgern in anderen Ländern auszuleihen. Die starke Entwicklung der Textilindustrie im 18. Jahrhundert hatte dazu geführt, dass in Zürich ausreichend Geld zur Verfügung stand, das einer vernünftigen Anlage zugeführt werden sollte. Johann Jakob Leu, der damalige Säckelmeister der Stadt, wurde 1754 vom Rat der Stadt zum Präsidenten der Zinskommission gewählt, und das im Rathaus gegründete Unternehmen erhielt den Namen «Leu et Compagnie» für seine Tätigkeiten gegen aussen.

1758 nahm die Kaiserin Maria Theresia ein Darlehen von 30 000 Gulden auf, um Unwetterschäden im Tirol zu beheben, und bald war man mit vielen europäischen Adelshäusern im Geschäft. Nach dem gewaltsamen Umsturz, den die napoleonischen Truppen in Zürich in die Wege geleitet hatten, war die Bank imstande, 1799 mit einer Sofortzahlung an General Massena die Stadt Zürich vor der Plünderung durch die französischen Truppen zu schützen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts schliesslich, als der demokratische Kanton ein weiteres Aufblühen der Wirtschaft ermöglichte, wurde die Bank zu einer der Grossen im Hypothekargeschäft und gewährleistete ihrerseits mit ihren Darlehen das Wachstum der Industrie. Die zur Aktiengesellschaft umgestaltete Bank Leu entwickelte sich zur Vermögensberatung- und Handelsbank und letztlich zur Universalbank.1915 zog sie in ihr neues repräsentatives Gebäude, den «Leuenhof» an der Bahnhofstrasse, unweit des Paradeplatzes.

Man könnte etwas pointiert formulieren, dass die Bank Leu nahe beim Paradeplatz angekommen ist, aber nie genau dort. Ihre Entwicklung zur Grossbank kam nicht in die Gänge. Mit der Gründung der Kantonalbank schuf der gleiche Staat, der einst für die Bank Leu Geburtshilfe geleistet hatte, 1869 ein staatliches Institut, das im Hypothekargeschäft der Konkurrenz das Wasser abgrub. Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts und die Wirtschaftskrise machte der Bank wegen ihres erheblichen Auslandengagements schwer zu schaffen.

Joseph Jung, der «Haushistoriker» der CS, zeichnete anlässlich des Jubiläums von 2005 das strategische Dilemma auf, in das die Bank in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geriet. Mit dem erklärten Willen, weiterhin Universalbank zu sein, lief die Bank am fehlenden Filialnetz auf. «Die Bank Leu war als mittelgrosse Bank zu gross, um als Nischenplayer erfolgreich zu sein, aber sie war zu klein, um als global tätige Grossbank auftreten zu können.» 1990 wurde die Bank Leu als Konsequenz dieser Entwicklung von der Credit Suisse übernommen und als «Boutique» für das Private Banking ausgerichtet.

Die Zeiten des schönen Wetters für die Banken sind vorbei – spätestens seit der Finanz- und Schuldenkrise. Darf man sich in solchen Zeiten noch darüber aufhalten, dass nun die Bank Alfred Eschers die Bank der Herren Leu und Heidegger nicht nur geschluckt, sondern auch noch verdaut hat? Die Zeiten für ein Experiment mit einer Tochterbank fürs Private Banking – die sich nicht nur mit der Konkurrenz der Mitbewerber, sondern auch der des Mutterhauses konfrontiert sah – waren schlecht. Ein renommierter Name und ein Vierteljahrtausend Tradition auf dem Buckel helfen nicht viel, wenn die Zahlen nicht stimmen. Trotzdem weinen wir der Leuenbank eine kleine Träne nach.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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