Der Kommentar: Na? Gibt es bei Ihnen gerade Rührei mit triefendem Speck, oder ein glutenfreies Brötchen mit Öko-Vegan-Aufstrich? Seit dieser Woche werden Sie bei der Nahrungsmittelzufuhr daran erinnert: Fleisch ist böse. Wir wurden – einmal mehr – von einer ernährungskulturellen Panik übermannt. Das Thema «Wurst verursacht Krebs» wurde ausgeschlachtet, in jedem Smalltalk das Wurst-Gate aufgetischt. Die Fleischverbände kochten. Der Konsument wurde vom Wut- zum Wurstbürger. Ob aus Druck oder Bauchschmerzen, die WHO präzisiert: Die Dosis macht das Gift. Es scheint: Im Unterschied zur Wurst ist der Wirbel darum endlos.

Denn Esstische sind zu Altaren und Küchen zu Kapellen geworden. Der Kult um unsere Nahrungsmittel nimmt immer absurdere Züge an. Während wir uns früher über Autos oder den saftigen Sonntagsbraten definiert haben, tun wir dies heute mit Eiern von überglücklichen Hühnern und Bio-Möhren aus antifaschistischem Anbau. Auf unseren Tellern dampfen Statements. Zumindest bei jenen, die es sich leisten können. Und da kommt der Beelzebub – mal in Pferd-, mal in Schweinsgestalt – daher und verursacht Krebs. Häufen sich seine Heimsuchungen etwa? Oder finden die Lebensmittelskandale mehr Gehör, weil der urbane Mittelstand sensibilisiert ist? Die Neurose einer reichen, satten Konsumgesellschaft?

Hysterische Horror-Nachrichten sind zyklisch wie Saat und Ernte. Ist es nicht das Fleisch, ist es der Fisch oder die Gurke. Solange wir hypersensibilisiert sind, keinen normalen Bezug mehr zu Lebensmitteln haben und sie anbeten wie Fundamentalisten, so lange werden wir bei jedem Gruss aus der Küche zum Kreuzzug rüsten – egal, wie viel Fleisch die Nachricht am Knochen hat.

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