Dann weinte Alex Frei, die Tschechen schossen ihr Tor und schon war sie weit weg, unsere Endstation Sehnsucht. Im zweiten Spiel – gegen die Türken – ging es bereits nicht nur um die Wurst, sondern gleich um den ganzen Grill. 1:2. Vorbei. Draussen. Nach knapp 100 Stunden. Die Schweiz, der Gastgeber, nur vier Tage im Turnier! Wer hätte das gedacht? Ausser eigentlich jeder.

Ein Jahr genau ist vergangen seit jenem Quantum Lust am 7. Juni 2008. Gefolgt vom gefühlten Sekundentod. Der Ab-treibung vor der Befruchtung.

Ist es nur das, was uns bleiben wird? Ein Ereignis für die Ewigkeit unser aller Erinnerungen sollte es doch werden. Und heute, ein Jahr danach, was ist da noch? Der Wodka-Rausch nach dem 3:1 der Russen über Holland? Die Lachsalven über das «Merci Köbi»-Plakat? Torres’ Final-Tor?

Gute Gastgeber waren wir. Schön. Aber Herzklopfen kriegt davon heute keiner mehr. Und die angekündigte Nach-haltigkeit der Euro-Euphorie hat grad eben ihr Zeugnis erhalten – minus 350 000 Zuschauer in einer erschöpften und mürben Liga.

Mein kleiner Sohn begrüsste mich am Mittwoch stürmisch. «Papi, de Rotscher hät gunne!» Wir wissen eigentlich gar nicht, wer ihm das beigebracht hat. Allzu oft läuft bei uns keinTennis daheim. Aber «Rotscher» erkennt er mit seinen drei Jahren sofort und begeistert.

Zwar trägt er auch gern sein Messi-Shirt, aber seine Helden heissen anders: «Bob dä Boumaa» – und eben «Rotscher»! Schade, denk ich manchmal, dass er den grössten Teil von Federers Karriere gar nicht mitgekriegt hat. Und später wird er sich auch kaum an ihn erinnern.

Mit Sicherheit aber kommt der Tag, wo er mal wissen will, wie denn das so war, damals, bei der heimischen Euro 2008. «Wie soll denn das schon gewesen sein?», werde ich antworten. «Viele Menschen halt und so.» Aber ich würde mich doch bestimmt noch an etwas Besonderes erinnern, wird er nachfragen. Dass das Aufregendste der gesungene Psalm beim Eröffnungsspiel war, kann ich dann doch nicht sagen. Also wird Papi tief im Gedächtnis graben und sich zu guter Letzt erinnern:

«Gäge d Türke häts gschiffed!»