Na dann erzähl doch mal zuerst von den Geburten. „Ich habe vier Geburten im Zug miterlebt. Ich meine hey, wenn das Baby kommt, dann kommt es.“ Natürlich suche man immer zuerst einen Arzt im Zug, aber manchmal gäbe es halt einfach keinen. „Da musste ich auch schon selber Hand anlegen. Ich habe ja selber zwei Kinder, hab gesehen, wie’s geht.“ Ein Mädchen, bei deren Geburt Curtis mithalf, gehe mittlerweile aufs College. „Sie schreibt mir immer noch jedes Jahr zu Weihnachten eine Karte.“ Er lächelt zufrieden.

Hollywood an Bord
Und die Toten? „Das waren zwei junge Typen. Sie schlossen sich in ihrem Abteil ein und schnupften Kokain. Bis sie an einer Überdosis starben.“ Das sei sehr hart gewesen. Auch Schlägereien hat der knapp 50-Jährige erlebt, oder Flitzer, die nackt durch den ganzen Zug rannten. Und Berühmtheiten aus Hollywood durfte er an Bord begrüssen: Cher, Roseanne Barr, John Travolta, und auch Chuck Norris. Joe Biden war aber nie an Bord von Curtis’ Zug. Der amerikanische Vizepräsident gilt als grosser Amtrak-Fan und pendelte während seiner Zeit als Senator in Washington stets mit dem Zug zur Arbeit.

„Ich liebe meinen Job“, sagt Curtis. Und das nach 30 Jahren auf den Schienen. Man glaubt es ihm. Noch immer denkt er an Kleinigkeiten. Obwohl er nicht müsste, kauft er vor der Abfahrt Biskuits für seine Zuggäste auf eigene Kosten. Und auf die Sitze legt er jeweils Schokobonbons als Willkommensgeschenk.

„Ich war 18 Jahre alt, als unser Nachbar meinen Vater fragte, ob er jemanden kenne, der bei Amtrak arbeiten wolle. Also habe ich mich beworben. Das war in einem Januar.“ Er habe dann lange nichts mehr gehört und ging davon aus, dass er den Job nicht gekriegt habe. „Doch im Juni klingelte dann plötzlich das Telefon.“ Curtis war an Bord. „Kurz darauf wollten sie mich schon wieder entlassen, weil sie die Vertragsbestimmungen änderten und sie nur Leute ab 21 wollten.“ Die Gewerkschaft habe sich dann zum Glück für ihn eingesetzt.

Fahren bis zur Pensionierung
Und so fährt Curtis noch heute durchs ganze Land, jeweils sechs Tage am Stück. „Gestern habe ich nur zweieinhalb Stunden geschlafen.“ Zwar hat er am Ende der Reise acht freie Tage. Dennoch zehrt die Arbeit an den Kräften. Egal wann in der Nacht ein Passagier aussteigen muss, Curtis weckt ihn. An einen tiefen Schlaf ist da nicht zu denken. „Mal schauen, ob ich es bis zur Pensionierung schaffe. Wahrscheinlich haut es mich vorher um“, sagt er mit einem Schmunzeln.

Ich reise nur von Salt Lake City nach Omaha, was immerhin 25 Stunden dauert. Für Curtis begann die Reise mit dem „California Zepyhr“-Zug aber schon in Chicago, führte innert 51 Stunden und 20 Minuten quer durchs ganze Land, an 25 Stationen vorbei, bis nach San Francisco. Nun ist er wieder auf dem Rückweg Richtung Ostküste.

Es ist 19:08, in zwei Minuten fährt der Zug weiter. „Alles einsteigen“, ruft Curtis den anderen Passagieren auf dem Bahnsteig zu. Curtis, noch eine Frage. Was ist eigentlich dein Lieblingshalt, wenn du durch ganz Amerika fährst? „Chicago. Mein Zuhause.“

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