Diskutiert wird über die Überforderung von Menschen, über Druck am Arbeitsplatz, über Stress. Das ist insofern erstaunlich und auch heikel, als man weder die Hintergründe des Suizids von Carsten Schloter kennt noch genau weiss, warum ein Lokführer ein Rotlicht überfuhr – was zur Kollision mit einem anderen Zug führte, dessen Lokführer ums Leben kam.

Bei Schloter wurde auf seine Aussagen aufmerksam gemacht, er komme wegen der ständigen Erreichbarkeit und einer schwierigen familiären Situation «nicht mehr zur Ruhe». Beim Bahnunglück wird auf die enorme Belastung der Lokführer verwiesen, die unter Zeitdruck stünden, Überstunden leisten müssten und «am Anschlag» seien, wie ein Gewerkschafter sagte.

Die Debatte sagt einiges aus über unsere Gesellschaft. Ganz offensichtlich besteht Diskussionsbedarf – wir wollen reden über die Grenzen, die wir bisweilen erreichen, über die Leistungsgesellschaft und ihre Folgen auch fürs private Leben. Ob man CEO ist oder Lokführer: Es kann ein Zuviel für jeden geben, und dieses Zuviel kann im Extremfall Leben gefährden. Das eigene Leben oder das Leben von anderen.

Je individualisierter unsere Gesellschaft wird, umso wichtiger scheint die kollektive Auseinandersetzung mit diesen Themen zu werden. Das zeigt sich nicht nur bei Todesfällen. Als sich Angelina Jolie die Brüste amputieren liess, nahm die halbe Welt daran teil. Und als Natalie Rickli wegen eines Burnouts ausfiel, die halbe Schweiz.

Die kollektive Auseinandersetzung ist aber auch eine Flucht: Es ist in unserer Mediengesellschaft einfach, mit Freunden und Kollegen anhand von öffentlichen Schicksalen zu diskutieren. Einfacher, als über eigene Probleme und über Probleme nahestehender Menschen zu reden.

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