Auch hierzulande wirkt Merkels Strahlkraft. Nach Fukushima liess die wendige Kanzlerin die deutschen AKW umgehend abstellen. Sie war damit in Europa allein auf weiter Flur, aber unser Bundesrat folgte ihr auf dem Fuss und beschloss unter Anführung von Merkels christdemokratischer Parteikollegin Doris Leuthard ebenfalls den Atomausstieg. Weil es der Bundesrat etwas gemächlicher angeht als Merkel, lancierten die Grünen eine Subito-Ausstiegsinitiative, über die wir nächsten Sonntag abstimmen. Die Erfahrungen aus Deutschland sollten uns lehren: Wenn schon aussteigen, dann besser geordnet als überstürzt. In der Flüchtlingspolitik wiederum fand Merkel in Simonetta Sommaruga die vielleicht engste Verbündete auf dem Kontinent. Fast überall sonst wurde Merkels affektive Grenzöffnung im September 2015 zu Recht als Fehlentscheid kritisiert. Die SP-Bundesrätin aber sagte über Merkel: «Ich schliesse mich ihrer Haltung an, ich bin ihr dankbar.»

Wäre es gut für die Schweiz, wenn die Kanzlerin nochmals antreten würde? Wahrscheinlich. Sie hat Fehler gemacht, aber ob es eine für unser Land bessere Alternative gibt, ist zweifelhaft. Merkel kennt das Land, auch privat, etwa aus den Ferien in Pontresina. Ihre unprätentiöse, glamourfreie Art hat etwas Schweizerisches. Wenn sie über die Bilateralen, das Verhältnis Schweiz - EU und die Zuwanderungsfrage spricht, klingt das viel konstruktiver, als wenn sich Brüssel vernehmen lässt. In Zeiten, wo vielenorts Polit-Rabauken Aufwind haben, tut eine unaufgeregte Führungsfigur wie Merkel Europa und uns allen gut.

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