2008 kam es zum nächsten Knall in der Schweizer Wirtschaft: Der Staat musste die UBS retten. In der FDP gab es Versuche, sich für die Swissair-Demütigungen der SVP zu rächen, denn als verantwortlich für die Beinahe-Pleite galt Marcel Ospel, der mit der SVP sympathisierte und sich 2003 für die Wahl von Blocher in den Bundesrat einsetzte. Der SVP schadete das nicht wirklich, aber weil sich die FDP zunehmend bankenkritisch positionierte, streifte sie ihr Image der Bahnhofstrassen-Partei ab und fand unter dem späteren Präsidenten Philipp Müller, der UBS-Banker auch mal mit Schimpfwörtern eindeckte, auf die Siegerstrasse zurück.

Firmenkrisen à la Swissair und UBS blieben der Schweiz seither erspart. Und doch kam der nächste Knall – ein wirtschaftspolitischer: 2014 sagte das Volk Ja zur Masseneinwanderungsinitiative. Viel ist über die europapolitischen Folgen geschrieben worden, mehr und mehr zeigen sich auch die innen- und parteipolitischen Konsequenzen, vor allem seit der jüngsten Parlamentssession: Der Umsetzungsvorschlag der Kommission unter dem Vorsitz von FDP-Nationalrat Kurt Fluri wird von der SVP in einer Tonalität verurteilt, die an die Angriffe aus der Swissair-Zeit erinnern. Kurt Fluri ist der neue Eric Honegger. Die SVP schmäht den Solothurner als «Totengräber der Demokratie». Neu ist, dass die CVP unter Präsident Gerhard Pfister ebenfalls gegen die FDP schiesst. Die Bruchlinien zwischen den bürgerlichen Parteien kamen im Streitgespräch mit deren Präsidenten in der «Schweiz am Sonntag» vergangene Woche überaus klar zum Ausdruck. Die NZZ fasste es so zusammen: «Du bist schuld! Nein, du! Nein, du!»

Statt dem erwarteten «neuen Bürgerblock» und dem viel zitierten Schulterschluss von SVP, FDP und CVP beobachtet man seit den Wahlen vor knapp einem Jahr drei Parteien, die in zentralen Fragen uneins sind und den Dissens geradezu zelebrieren: Nicht nur in der Europa- und Zuwanderungspolitik, sondern auch bei der Altersreform und der Energiestrategie. Und: Der Graben verläuft nicht mehr nur zwischen SVP und FDP/CVP, sondern auch zwischen dem Freisinn und der Christdemokratie. Jeder gegen jeden: Das hat Unterhaltungswert und mag der Profilierung der einzelnen Parteien und ihrer Präsidenten dienlich sein. Doch in einer direkten Demokratie ist es ein riskantes Spiel. Wichtige Reformen und Weichenstellungen stehen an: AHV, Energie, Zuwanderung, Europa. Streit und Stress als Dauerzustand – in einem solchen Klima lassen sich im Volk kaum Mehrheiten gewinnen.

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