Der Kommentar: Noch am 9. August 2009 hatte es nach einer deutlichen Annäherung zwischen FDP und SP ausgesehen. «Die Schweiz war am erfolgreichsten, wenn die SP und die FDP zusammen gestritten – und dann zusammen politisiert haben», sagte FDP-Präsident Fulvio Pelli im «Sonntag»-Streitgespräch mit SP-Präsident Christian Levrat. Levrat zeigte sich «positiv überrascht» über die «Offenheit der FDP».

Levrat: «Das ist vielversprechend für die Zukunft.» Pellis Avancen gegenüber der SP kamen «just in time». Einen Monat später wählte das Parlament FDP-Mann Didier Burkhalter und nicht CVP-Fraktionschef Urs Schwaller in die Regierung. Die SP-Stimmen waren matchentscheidend. Ein Jahr danach spielte die Allianz erneut: FDP und SP wählten Johann Schneider-Ammann und Simonetta Sommaruga gegenseitig.

Das war es aber mit den Gemeinsamkeiten. Kaum hatte Pellis FDP ihre Schäfchen – sprich ihre zwei Bundesratssitze – im Trockenen, wurde die SP in der Regierung zurückgestuft. Die Koalition der Mitte-Bundesräte (FDP, BDP, CVP) zwangen Sommaruga ins ungeliebte Justizdepartement. Und FDP-Chef Pelli greift nun im Doppelinterview mit Levrat zum verbalen Zweihänder. «Es ist unmöglich, mit den Sozialdemokraten über die AHV zu diskutieren», sagt Pelli.

«Unmöglich» sei es auch, mit Levrat über AKWs zu sprechen. Pelli knallhart zu Levrat: «Das Problem ist Ihre totale Unfähigkeit zur Zusammenarbeit.» Pellis Attacke auf die SP hat einen strategischen Hintergrund. Nach seinen Abgrenzungen gegen Rechts, gegen die SVP, zieht er eine Trennlinie gegen Links, gegen die SP. Mit dem Selbstbewusstsein des machtpolitischen Gewinners der letzten zwölf Monate positioniert sich Pelli als Chef einer gestärkten Mitte. Sie erhebt den Drohfinger gegen SVP wie SP, mahnt Regierungsfähigkeit an. Implizit schwingt mit: Sonst hat das Folgen für die Regierungsbeteiligung.

Folgen haben die Machtdemonstrationen in der Realpolitik. Levrat, der sich gehörnt vorkommen muss, wirft der Mitte im Interview «Arroganz» vor. Die unheilige Allianz SP/SVP dürfte sich verstärken. Im Nationalrat können SP und SVP mit ihrer Mehrheit jedes Geschäft abstürzen lassen. Die Schweiz bleibt realpolitisch wohl ein Jahr lang blockiert. Bis die Wahlen 2011 die neuen Kräfteverhältnisse klären.