Der Kommentar: Erdogan ist nicht der Einzige, der Mühe hat mit der Unterscheidung von Realität und Satire. 2014 etwa glaubten Tausende, der Wechsel eines hohen Regierungsbeamten zur Deutschen Bahn sei eine Satire-Meldung der Scherzzeitung «Postillion». «Spiegel» und «Tagesschau» schienen darauf reingefallen zu sein. Später stellte sich heraus, dass der «Postillion» die Leute mit der Wahrheit hereingelegt hatte. Weil die Realität die Satire überboten hatte, beschrieb ein Satire-Blatt die Realität.

Ähnliches war diese Woche auch in der Schweiz zu beobachten. Selten war es schwieriger, Aprilscherze von ernst gemeinten Artikeln zu unterscheiden. So hielten viele den NZZ-Artikel über die Europäische Zentralbank, die erwägt, Geld zu verschenken (Helikoptergeld) für einen Witz. Der «Tages-Anzeiger» schickte seine Leser mit Flüchtlingsbaracken als Touristenattraktion in den April. Die Reaktion des veräppelten Beizers: «Hätt ich die Idee doch bloss selber gehabt!».

Die Grenzen zwischen Realität und Satire schwinden. Die Glosse von Peter Schneider in der «SonntagsZeitung» könnte zuweilen als normaler Artikel im «SVP-Extrablatt» erscheinen. Manche bezeichnen die «Weltwoche» als Satire-Blatt. Das liegt daran, dass früher undenkbare Positionen salonfähig wurden. Das beste Beispiel dafür ist der Erfolg von Donald Trump in den USA. Mit dem Niedergang der Satire geht eine neue Ernsthaftigkeit einher. Erdogan-Verspotter Böhmermann publizierte diese Woche ein erstaunlich unzynisches Video. In «Be Deutsch» zeichnet er die Utopie eines humanitären, fortschrittlichen Deutschtums. Mögen ihn die Leute so ernst nehmen, wie es Erdogan tut.

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