Der Kommentar: Das Bild der dreijährigen Laura geht durch Mark und Bein. Sie ist eines der Opfer von Kindsmisshandlungen in der Schweiz, die es jährlich zu Hunderten gibt – und über die niemand spricht. Denn die perfiden Übergriffe passieren in den eigenen vier Wänden. Und andere Leute einer solch schlimmen Tat zu bezichtigen, braucht mehr als einen Verdacht.

Und ja: Es ist schwer, bei Verdacht auf Missstände hinzuschauen. Noch schwerer ist es, einzuschreiten. Warum? Weil wir immer das Gefühl haben, das Leben anderer gehe uns doch nichts an. Weil wir glauben, es sei unanständig, sich ungefragt in das Leben anderer einzumischen, geschweige denn von wildfremden Menschen. Stimmt. Und doch gibt es eine gesellschaftliche Verantwortung. Jenen Menschen gegenüber, die sich selber nicht wehren können – den Kindern. Sie sind zu klein, um zu reden. Sie denken in unschuldiger Weise. Sie verraten keine Erwachsenen. Selbst wenn es der eigene Vater oder die eigene Mutter ist. Selbst, wenn die Eltern ihr eigenes Kind verraten haben. Verraten, indem sie es seiner Kindheit beraubten, seinen Glauben nahmen und die wertvollsten Güter seines Heranwachsens mit Füssen traten: Liebe und Urvertrauen.

Also schauen wir doch hin, wenn wir beim Nachbarsmädchen plötzlich blaue Flecken sehen. Hören wir zu, wenn unsere Kinder von ihren Schulgspänli erzählen, die über komische Dinge zu Hause berichten. Fragen wir doch die den Tränen nahe Kollegin, ob sie mit der Betreuung ihres schreienden Babys wirklich klarkommt. Nehmen wir doch Anzeichen der Kindsmisshandlung wahr, bieten wir doch unsere Hilfe an – und schreiten wir doch ein, wenn uns ein ungutes Bauchgefühl plagt.

Helfen. Schlimmeres vermeiden. Kindsmisshandlung passiert nicht nur im Ausland, in dreckigen Wohnungen in Rumänien oder in anonymen Plattenbauten in Ostdeutschland. Die dreijährige Laura war Tochter Schweizer Eltern. Die Familie wohnte mitten unter uns; und doch dauerte es Monate, bis Nachbarn und Behörden Alarm schlugen und das Mädchen aus seinem Elend rausholten. Da wog Laura acht Kilogramm.