Der Kommentar: «Die Ehe ist unauflöslich.» So steht es in der Bibel. Und so sieht es auch Vitus Huonder, der Bischof von Chur. Doch die Realität ist eine andere: Im Jahr 2010 betrug die Scheidungsrate in der Schweiz 54,4 Prozent.

Vor dieser Realität verschliesst der Bischof von Chur die Augen. In seinem umstrittenen Hirtenbrief fordert er dazu auf, Geschiedenen, die wieder geheiratet haben, die Sakramente zu verwehren. Und nicht nur das: Vitus Huonder will, dass Geschiedene eine Wiederverheiratung generell ausschliessen. Nur so nähmen sie die «Lehre unseres Herrn ernst». Der Bischof von Chur wetterte schon gegen die Fasnacht, gegen Homosexuelle und gegen die Sexualerziehung an Schulen. Er macht nicht Kirche für die Menschen – sondern gegen sie. Weil er ins Zentrum seiner Religion nicht die Person stellt, sondern das unverrückbare Dogma. Und damit die Kluft zwischen Gesellschaft und Klerus weiter vergrössert.

Ebenso befremdend aber wie der Fundamentalismus des Oberhirten aus Chur ist die Reaktion der Schweizer Bischofskonferenz. Das wichtigste Gremium der katholischen Würdenträger sagt nichts zu dem heiklen Thema – obwohl es beim Treffen der Bischöfe in dieser Woche zumindest am Rande diskutiert wurde. Und obwohl die meisten mit der Botschaft von Vitus Huonder nicht einverstanden sind. Durch ihr Schweigen und ihre übertriebene Angst vor öffentlichen Aussagen erwecken die Bischöfe den fatalen Eindruck, sie stünden hinter dem religiösen Hardliner in ihrer Mitte. Da ist es kaum verwunderlich, wenn die katholische Kirche in der Schweiz derzeit – entgegen anders lautenden Ankündigungen in den vergangenen Jahren – in den Medien keine Good News produziert.

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