Der Kommentar: Wer die Debatte verfolgt, dem fallen zwei Dinge auf: erstens die Geringschätzung von Wissen und zweitens die Hochstilisierung von Kompetenzen, obwohl dieser Begriff eine maximale Unschärfe aufweist. Bereits in den Zeiten der Aufklärung wurde «Wissen ist Macht» zum geflügelten Wort. Heute wird unsere Welt als Wissensgesellschaft bezeichnet.

Wissen ist eine der wichtigsten strategischen Ressourcen, hört und liest man immer wieder. Der Titel eines Interviews mit dem bekannten Physikprofessor Ben Moore bringt es auf den Punkt: «Wissen ist das stärkste Werkzeug, das wir zur Verfügung haben.» Weil Wissen so entscheidend ist, ist eine gute Ausbildung ein Schlüsselfaktor für die Bewältigung der Zukunft. So weit scheinen sich alle einig zu sein.

Mit Verwunderung stellt man fest, dass diese Erkenntnis am Lehrplan 21 vollständig vorbeigegangen ist. Im Einführungskapitel über die Bildungsziele wird «Wissen» mit keinem Wort erwähnt. Dafür wird das Wort «Kompetenz» nicht weniger als neun Mal bemüht. Das mag daran liegen, dass in unseren Bildungsanstalten der reine Wissenserwerb bereits heute hier und dort als überflüssig angesehen wird.

Seit nunmehr 16 Semestern unterrichte ich an der Universität Bern Studierende im Masterstudium für Betriebswirtschaft. Immer wieder staune ich über eklatante Wissenslücken. Sollte man von einem Bachelor in BWL nicht erwarten können, dass sie oder er wissen, was in OR 716 steht, was ein Businessplan ist, welche Marketinginstrumente zur Verfügung stehen, was die Kernelemente einer Strategie sind?

Unsere obersten Pädagogen sind offenbar anderer Ansicht. Wissen spielt ihrer Meinung nach in der Wissensgesellschaft eine untergeordnete Rolle, schliesslich kann man jederzeit Wikipedia anrufen. Ihr Credo ist: Die Schule darf keine Wissensfabrik sein. Die Schule der Zukunft soll Kompetenzen vermitteln. Kompetenz ist ein hoch abstrakter Begriff. Es fällt auf, dass viele namhafte Wissenschafter die Meinung vertreten, es gäbe gar keine allgemein anerkannte Definition dafür. Und einige lehnen den Begriff überhaupt ab. Die Autoren des Lehrplans 21 stützen sich auf eine im Auftrag der OECD entwickelte Definition des deutschen Psychologen Franz E. Weinert.

Danach ist eine Kompetenz «die bei einem Individuum verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.» Alles klar? Nein, aber es gibt ja Wikipedia: volitional heisst «durch den Willen bestimmt». Selbst mit dieser Präzisierung blicken wir perplex auf dieses Ungetüm einer Definition. Das also soll das oberste Ziel der künftigen Bildungspolitik sein?

Bleibt die Hoffnung, dass die Dinge anhand eines praktischen Beispiels verständlicher werden. Man hört ja immer wieder, dass der Analphabetismus zunehme. Lesen und Schreiben können ist unbestreitbar wichtig. Dazu der Lehrplan 21: Beim Thema «Lesen» soll folgende Kompetenz erworben werden: «Die Schülerinnen und Schüler können ihr Leseverhalten und ihr Leseinteresse reflektieren. Sie können so das Lesen als ästhetisch-literarische Bereicherung erfahren.»

Ich muss zugeben, dass ich da nicht mehr folgen kann. Aber wahrscheinlich fehlt mir ganz einfach die Kompetenz, um die moderne Pädagogik zu verstehen.

Der Protest von Lehrpersonen hat immerhin dazu geführt, dass man den Lehrplan 21 überarbeitet. Es ist nur zu befürchten, dass diese Übung eine unumstössliche Lebensweisheit bestätigt: Wenn du das Hemd unten falsch geknöpft hast, ist es auch oben falsch geknöpft.

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