Warum gerade Genf ? Vor allem darum, weil die Region um den Lac Léman einen wirtschaftlichen Boom erlebt, der in der Deutschschweiz so nicht wahrgenommen wird – und der uns neugierig machte. Bei Wirtschaftswachstum, Immobilienblase und Einwanderung denken wir erst mal an Zürich. Doch am Arc lémanique sind all diese Erscheinungen noch ausgeprägter, im Guten wie im Schlechten: Die Wirtschaft wuchs hier innerhalb von zehn Jahren um 25 Prozent – in Zürich um 15 Prozent. Täglich pendeln 85 000 Grenzgänger aus Frankreich hierher. «Die Zürcher sind verrückt, dass sie wegen der paar tausend Deutschen, die bei ihnen arbeiten, derart überreagieren», sagte uns Pierre Maudet. Wohnen ist in Genf inzwischen teurer als in Zürich, und die Kriminalität doppelt so hoch.

All das hat uns auch darum zu interessieren, weil wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen oft zuerst in der Romandie sichtbar werden, bevor sie die Deutschschweiz erreichen. Das lässt sich schon im 16. Jahrhundert beim Protestantismus zeigen, den Calvin von Genf aus ausstrahlte. Oder in der Europa-Frage, welche die Romandie schon lange beschäftigte, in der Deutschschweiz aber erst mit der EWR-Abstimmung vor zwanzig Jahren zum Thema wurde. Oder bei der Migration. In Genf nimmt die «Monacoisierung» ihren Lauf, die in einigen Jahrzehnten das ganze Land erfassen könnte: Die Stadt wird zum Magnet für Grossverdiener aus aller Welt, für die Einheimischen gibt es kaum mehr bezahlbare Wohnungen.

«Le Sonntag» lädt Sie ein, unsere Nachbarn kennen zu lernen. Wir stellen Ihnen wichtige Romands vor, wir haben ihre Freuden und Ängste erforscht, und wir haben Tipps, damit auch Sie eine Menge Spass haben werden, wenn Sie mal wieder die Sprachgrenze überschreiten. Bienvenue à Genève!

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