Ich vereinbare also einen Termin mit Zariff einen Tag nach der ersten Präsidentschaft-Debatte, um 11:30 Uhr. Als ich ankomme, ist Zariff noch nicht da. Tony, sein Arbeitskollege schneidet gerade einem Kunden die Haare. „Ich weiss nicht wo er ist, normalerweise ist er immer sehr pünktlich.“ Ich warte, schliesslich ist das meine einmalige Chance auf einen präsidialen Haarschnitt, den „Obama-Cut“. Meinen Bart habe ich absichtlich einige Tage nicht getrimmt, damit Zariff ja genug zu tun hat, denn auf meinem Haupt haben schliesslich viele Haare schon länger „Goodybe“ gesagt.

11:50. Zariff ist noch immer nicht da. Tony schreibt ihm nochmals ein SMS. Gleich neben mir steht der Sessel, in dem der Präsident jeweils sass. An den Wänden hängen Bilder von Obama auf Magazinfrontseiten und Fotos mit den Angestellten, allesamt unterschrieben vom Präsidenten. Heute wird er von einer Glasvitrine beschützt. Das Ganze fühlt sich sehr historisch an.

Wo bleibt Zariff?
Es ist 12:15, von Zariff keine Spur. Tony schaut nochmals auf sein Handy.
„Zariffs Auto ist kaputt. Er sagt, er sei frühestens in 40 Minuten da.“
Tja, so viel Zeit habe ich nicht, das wird wohl nichts aus meinem präsidialen Haarschnitt. Tony, hättest du sonst Zeit, meine Haare zu schneiden?
„Klar, setz dich hin.“
Ich hoffe, es macht dir nicht aus, wenn ich dir ein paar Fragen zu Präsident Obama stelle?
„Nein, kein Problem. Es kommt einfach darauf an, ob man gute oder dumme Fragen stellt.“
Geht es euch nie auf die Nerven, dass alle nach Obama fragen?
„Nein. Denn er ist ein guter Typ, wir mochten ihn immer. Und dank ihm müssen wir uns nie mehr Sorgen um unser Geschäft machen. In den Sommermonaten kommen hier täglich Touristenbusse vorbei. Pro Tag sind es sicher mehr als 100 Touristen.“
Und Journalisten?
„Etwa fünf, sechs pro Woche, das ganze Jahr hindurch.“
Gab es auch verrückte Besuche?
„Ja, einmal kam ein japanischer Journalist zu Zariff, und fiel vor ihm auf die Knie. Danach begann er ununterbrochen den Sessel zu küssen. Damals gab es noch keine Vitrine. Das war schon sehr verrückt. Und es kommen immer wieder Leute, die fragen, ob wir Haare von Präsident Obama haben oder für sie aufbewahren können.“

Im Hair Salon aufgewachsen
Tony erzählt mir ein bisschen von sich und der Hyde Park Nachbarschaft. Er macht sich Sorgen, dass viele alte Häuser grossen, modernen Glaskomplexen Platz machen müssen, die sich die Einwohner nicht leisten können. Alles werde teurer, und kleine Geschäfte müssten zumachen.

Der Hair Salon gehört seinem Bruder. Tony begann hier etwa zwei Jahre vor Obamas Beförderung ins Weisse Haus zu arbeiten, kannte ihn aber schon von früher. „Ich bin praktisch in diesem Hair Salon aufgewachsen. Obama, so nennen wir ihn hier, ging immer zu Zariff, aber ich sprach oft mit ihm, als er auf seinen Termin wartete, so wie du vorhin.“
Und worüber habt ihr da gesprochen?
„Meistens über Sport, er ist ein grosser Fan des White-Sox-Baseballteams, wie du sicher weisst. Und er erkundigte sich bei uns, was in der Nachbarschaft so läuft, welche Probleme anstehen. Wenn er etwas nicht wusste, fragte er und hörte zu.“ Und lustig sei er immer gewesen. „A funny guy.“ Als Präsident müsse Obama jetzt leider meistens ernst sein, dürfe nicht sich selber sein. „Aber bei uns lachte er immer.“ Manchmal habe er auch seine beiden Töchter Sasha und Malia mitgebracht, die zusahen, wie er sich die Haare schneiden liess.

Obamas berühmter Gruss
Obama, erzählt mir Tony, sei in den Hyde Park Hair Salon gekommen, weil schon zwei seiner Idole früher hierher kamen: Der Boxer Muhammed Ali, von dem noch heute ein übergrosses Poster an der Wand hängt, und Harold Washington, Chicagos erster schwarzer Bürgermeister. Und nun ist Obama selber der berühmteste Kunde, auch wenn er heute nicht mehr in den Salon kommen kann. „Vor zwei Jahren fuhr er mal spontan an unserem Geschäft vorbei, mit seiner ganzen Entourage, liess das Fenster runter, rief uns zu und lachte. Das war wirklich nett von ihm.“
Ein Kunde verlässt den Laden, Tony verabschiedet ihn mit einem „Fistbump“, ein Gruss per Faust auf Faust.
Hey, genau wie Obama mit seinen Angestellten im Weissen Haus, davon gibt’s viele berühmte Bilder!
„Ja, aber wusstest du, von wo er das hat, den Fistbump? Den hat er hier bei uns gelernt, im Hair Salon. Das ist unser Ding.“ Er lacht.

Tony nimmt einen kleinen Spiegel hervor. „Gut so?“
Ja, perfekt. Fast wie Obama! Was macht das?
„21.“
Ich gebe ihm 25 Dollar und verabschiede mich. Mit einem Fistbump. Ich laufe die Strasse runter, um mir ein Taxi zu suchen. Ich bin schon fast um die Ecke, da höre ich ein Rufen.
„Ben! Hey Ben!“
Ich drehe mich um. Tony steht vor dem Hair Salon und winkt mich zu sich. Ich sehe auch schon weshalb. Zariff ist doch noch gekommen! Fünf Sekunden später, und ich hätte ihn verpasst. Ich laufe zurück.
Hi Zariff!
„Sorry Ben, mein Auto gab den Geist auf. Mein Nachbar hat mich hierher gefahren.“
Kein Problem. Toll, dass es doch noch geklappt hat.

„Wünschte ihm viel Glück“
Ein Kunde wartet auf Zariff, aber er nimmt sich für mich fünf Minuten Zeit für ein paar Fragen und Fotos.
Wann warst du das letzte Mal beim Präsidenten?
„Das war letzten Donnerstag.“
Also vor der gestrigen Debatte, die er deutlich verloren hat. War er am Donnerstag nervös?
„Nein, beim Haareschneiden war er nicht nervös. So schien es mir zumindest. Aber weisst du, wir sprechen sowieso selten über Politik. Meistens unterhalten wir uns über Sport, Baseball und Basketball. Oder die Familie. Ich habe ihm einfach viel Glück gewünscht. Ich wüsste auch nicht, wieso er nervös gewesen sein sollte. Er ist der Präsident, der andere Typ will seinen Job. Deshalb musste Romney aggressiver sein.“ Und es gehe am Schluss darum, wer den Krieg gewinnt, nicht eine einzelne Schlacht.

Und was, wenn Obama das Weisse Haus dennoch verlassen muss, wirst du ihm dann weiterhin die Haare schneiden?
„Aber sicher. Ich schneide ihm seit 20 Jahren die Haare. Und das werde ich auch in Zukunft tun, egal wo.“

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