Der Kommentar: Eigentlich müsste in diesen Tagen von Tunis über Bengasi bis Kairo gefeiert werden. Vor zwei Jahren stürzten die Massen ihre Diktatoren vom Sockel. Tatsächlich sind die Menschen wieder zu Zehntausenden auf der Strasse, aber entweder begleiten sie Särge oder sie skandieren an Demonstrationsmärschen erneut: «Das Volk will den Sturz des Regimes.» Manche werfen Steine und Brandbomben.

Die Bilanz fällt ernüchternd aus. Zwar geht jedes der Länder des Arabischen Frühlings seinen eigenen Weg, aber die Probleme gleichen sich. Trotz Wahlen bleiben überall Demokratie und Rechtsstaat auf der Strecke. Die Gräben in der Gesellschaft – vor allem zwischen Islamisten und Säkularen – vergrössern sich. Die Wirtschaft rutscht tiefer und tiefer in die Krise, die Gewalt nimmt zu und die Geduld der Bevölkerung ab. Immer öfter ist ganz offen neues Lob für die alten Zeiten zu hören.

Diese alten, autoritären Zeiten wirken in den Köpfen der neuen politischen Eliten immer noch nach. Das gilt für die an der Macht genauso wie für die in der Opposition. Alle sind in diesem System gross geworden. Solange Dialog und Kompromiss Fremdwörter bleiben, wird der Neuaufbau von funktionsfähigen demokratischen Strukturen nicht gelingen. Die sind aber die Voraussetzung, damit auch die Wirtschaft sich erholen kann.

Rezepte gibt es nicht. Eines haben die Revolutionen erreicht: Die Menschen haben ihre Angst verloren und setzen sich für ihre Rechte ein. Die treibende Kraft bleibt die Jugend. Sie kämpft am radikalsten für die Ziele der Revolution, denn schliesslich geht es um ihre Zukunft. Ob sie erfolgreich sein wird, mag an diesem Jahrestag niemand abschätzen.

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