Die Nachricht: An vielen Orten der Welt ist es Christen nicht möglich, Weihnachten zu feiern. Besonders dramatisch ist die Lage für Christen in Syrien, von denen es immer weniger gibt. Papst Franziskus spricht von «einer Art Genozid» gegen Christen.

Der Kommentar: Es ist vielleicht die letzte Weihnacht in Syrien für die kürzlich verwitwete Samia (Name geändert) und ihre beiden kleinen Kinder, eines drei Monate, das andere zwei Jahre alt. Samia lebt im antiken christlichen Dorf Sadad, wo seit mehr als tausend Jahren auch ihre Vorfahren lebten. Sie liebt ihr Dorf und möchte ihre Kinder hier grossziehen, aber der Druck ist gross geworden.

Sadad liegt in der Nähe der Hauptstrasse, die von Damaskus nach Homs führt. Einst ein blühendes Dorf mit 3000 Einwohnern, ist Sadad heute ganz heruntergekommen: Strom gibt es nur wenige Stunden pro Tag, heisses Wasser ist Luxus. Die Preise explodieren. Die Sanktionen, die die USA und ihre Verbündeten gegen Syrien verhängt haben, lasten schwer auf der Bevölkerung. Die Einwohnerzahl nimmt rasant ab.

Noch mehr als Armut und Entbehrung fürchtet Samia jedoch die Dschihadisten. Im letzten Monat startete der Islamische Staat (IS) eine Offensive gegen Sadad. Samias Mann wurde dabei von einer Mörserbombe in Stücke gerissen. Regimetreuen Milizen gelang es, die IS-Offensive zwei Kilometer vor Sadat zu stoppen. Natürlich ist Samia erleichtert. Gleichzeitig fürchtet sie sich: Was, wenn die Dschihadisten Sadat plötzlich doch einnehmen?

Es wäre nicht das erste Mal. Zwar waren es nicht die Dschihadisten des IS, aber es gibt viele weitere dschihadistische Milizen – mit einem Ziel: einen Scharia-Staat mit sunnitischer Vorherrschaft zu errichten. Alle diese Dschihadisten werden verdeckt oder sogar offen von den Amerikanern und ihren islamistischen Verbündeten – allen voran der Türkei, Saudi-Arabien und Katar – unterstützt.

Gemäss einem Bericht des US-Militärgeheimdiensts vom August 2012 wollte die Anti-Assad-Koalition den Einfluss des schiitischen Irans mit einem «de facto oder offiziell erklärten salafistischen Herrschaftsgebiet im Osten Syriens» eindämmen. Das Ziel wurde erreicht: Ein riesiges Gebiet vom Nordwesten Syriens bis vor die Tore Bagdads im Irak ist heute ein christenfreies Sunnistan. Papst Franziskus nennt es «eine Art Genozid» gegen Christen.

Die Dschihadisten, die vor etwa zwei Jahren Sadat einnahmen, gehörten zur Freien Syrischen Armee und der mit al-Kaida verbundenen Al-Nusra-Front. Samia und ihr nun verstorbener Mann waren während zehn schrecklichen Tagen in ihren eigenen vier Wänden gefangen. Die islamistischen Kämpfer töteten mehrere Christen, schändeten ihre Kirchen und zerstörten Häuser und Geschäfte, bevor sie schliesslich von regimetreuen Milizen aus Sadad vertrieben werden konnten. Solche Szenen sind in Syrien und im Irak Alltag geworden – und wenn sich die Prophezeiung von Leon Panetta erfüllt, werden sie noch lange Alltag sein. Panetta, früher Direktor des amerikanischen Geheimdiensts CIA und Verteidigungsminister, sprach von einem generationenlangen Krieg, vergleichbar mit dem 30-jährigen Krieg in Europa. Die Christen und anderen religiösen Minderheiten würden einen solchen Krieg nicht überleben.

Es gibt nun jedoch einen kleinen Hoffnungsschimmer am Horizont. Zwei Faktoren haben dazu geführt, dass Amerika seine gründlich gescheiterte Politik überdenkt: zum einen die Bedrohung Europas durch die Flüchtlingswelle und den aus Syrien exportierten Terrorismus, zum andern das militärische Eingreifen Russlands. Endlich erklärt Aussenminister John Kerry, der syrische Krieg dauere schon viel zu lange. «Den Islamischen Staat vernichten» und ein «vereinigtes, säkulares Syrien» wiederherstellen, in dem «alle Minderheiten geschützt» seien, habe nun höchste Priorität.

Wurde früher der Rücktritt von Präsident Assad als Vorbedingung für Friedensverhandlungen verlangt, schlägt Kerry jetzt vor, dass über Assads Zukunft in einem Friedensprozess entschieden werde, an dem «alle Parteien» beteiligt seien – also auch die syrische Regierung, Russland und Iran, die Amerika bisher an den Rand gedrängt hat.

Die Schweiz hat als Vermittlerin massgeblich zu diesen Gesprächen beigetragen. Ob sie erfolgreich sind, hängt davon ab, ob Präsident Obama von seinem mantraartig wiederholten «Assad muss gehen» ablässt. Er muss eng mit Putin zusammenarbeiten, wie er es bereits für die Vernichtung der syrischen Chemiewaffen getan hat. Vielleicht würde Samia dann noch einmal Hoffnung schöpfen. Ihr Traum ist ein Syrien, in dem alle Menschen – egal welcher Religion oder Ethnie sie angehören – in Frieden und Würde zusammenleben.

* John Eibner ist bei bei der Organisation Christian Solidarity International für den Nahen Osten verantwortlich. Er hat Samia am 30. November 2015 in Sadat getroffen.

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