Aufschlussreich ist, dass furiose Schweiz-Kritik immer noch – oder wieder! – Beachtung findet und Empörung hervorruft. Man erinnert sich an Friedrich Dürrenmatts glänzende Rede auf Vaclav Havel 1990 mit dem Titel «Die Schweiz – ein Gefängnis» (nachzulesen in unserem Kulturteil). Oder an «La Suisse n’existe pas», das simple Schriftbild an der Weltausstellung 1992, erschaffen von Ben Vautier – dessen Werk ab kommendem Mittwoch in Basel zu sehen ist. Das war vor einem Vierteljahrhundert, der Kalte Krieg erst kurze Zeit vorbei – Kritik am eigenen Land galt als «Nestbeschmutzung» und brachte das Volk ebenso wie das Establishment vorhersehbar in Rage. Warum? Weil das neutrale Land in eine Identitätskrise schlitterte, nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war.

Dass Bärfuss’ wohlkalkuliert überzogene Schweiz-Analyse ein solches Echo erzeugt, ist vielleicht weniger eine Auszeichnung für seinen Text als ein Zeichen dafür, dass unser Land auch heute in einer Identitätskrise steckt. Die Politik ist daran, das Verhältnis zur EU neu zu regeln. Die Bevölkerung ist tief gespalten: mehr Nähe oder mehr Distanz zu Europa? Wir sind uns nicht nur uneinig, wohin wir wollen, sondern wissen auch nicht, ob das, was wir wollen, in Brüssel durchsetzbar ist.

Identitätskrisen haben etwas Gutes: Sie zwingen uns, die eigene Rolle zu reflektieren und zu klären. Dürrenmatts «Gefängnis» von 1990 gibt es so nicht mehr – die Schweiz ist eines der offensten und globalisiertesten Länder geworden, und wer kein «Wärter» sein will (Dienstverweigerer), muss nicht mehr hinter Gitter. Auch das Verhältnis zur EU wird sich klären. Die Schweiz wird sich weiter bewegen, aber womöglich ist das gar nicht im Sinn von Lukas Bärfuss: Mehr noch als der Status quo kümmern ihn in seinem Text die Veränderungen, welche die Wahlen dem Land bringen könnten. Linke Angst davor, dass sich die Schweiz verändert: Noch ein Merkmal der Identitätskrise.

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