Ein Bürgerkrieg stand 1847 vor der Tür, ein Aufstand der liberal-radikalen Kantone gegen den katholisch-konservativen Sonderbund. Die fortschrittlichen Kräfte siegten und rangen 1848 um die erste Verfassung der modernen Schweiz.

Aus heutiger Sicht gäbe es viel zu bemängeln. Die Diskriminierung der Juden zum Beispiel oder die Ausklammerung der Frauen aus der Politik. Aber der föderalistische Bundesstaat erwies sich als erstaunlich stabiles und flexibles Staatsgebilde mit grossem Pioniergeist. Die Schweiz war 1877 das erste Land der Welt, das den Schutz der Arbeiterinnen und Arbeiter in einem Fabrikgesetz regelte. Die Schweiz war 1876 das erste Land der Welt, das den Wald als lebenswichtige Naturressource schützte. Und die Schweiz ist das erste und bisher einzige Land der Welt, das mit dem fakultativen Referendum und der Volksinitiative politische Trumpfkarten dauerhaft an die Bevölkerung verteilt.

Doch selbst die ausgefeiltesten demokratischen Instrumente können gesellschaftliche Brüche und Krisen nicht verhindern. Denn in einer stark vernetzten Welt stossen nationalstaatliche Regelungen an ihre Grenzen. Es ist deshalb kein Zufall, dass die Schweiz immer dann von grossen Krisen erschüttert wurde, wenn die Weltwirtschaft und die europäischen Nachbarländer in Depression oder Massakern versanken. Auch heute finden radikale Brüche statt. Brexit, Erdogan, Trump, der Krieg in Syrien und der Kipppunkt beim Klimawandel drohen die Welt in ein Pulverfass zu verwandeln. Anstatt nach den Ursachen zu fragen und Lösungen zu suchen, machen viele bei uns die Schotten dicht und jagen Sündenböcke. Dabei würden drei alte Tugenden helfen, in der Schweiz und als Teil der internationalen Staatengemeinschaft wieder optimistisch in die Zukunft zu schauen.

Die erste Tugend ist der Ausgleich. Es ist sozusagen das bestimmende Element unserer Staats- und Gesellschaftsordnung. Zuerst war es der Ausgleich zwischen den katholischen und reformierten Kantonen. Immer mehr kam auch der soziale Ausgleich dazu. Die soziale Sicherheit im Alter, bei Mutterschaft oder bei Arbeitslosigkeit wurde den Eliten durch harte Kämpfe abgetrotzt.

Leider haben viele Wirtschaftsliberale heute diese Lektion vergessen. Sie machen aus Wettbewerb, Markt und Privatisierungen eine ordnungspolitische Religion und verraten damit die fortschrittlichen Werte der Schweiz. Die moderne Demokratie gründet eben nicht nur auf dem Prinzip der Freiheit (für die Starken), sondern ebenso auf dem Prinzip der Gleichheit und der Solidarität. Ein «Chancenland» kann die Schweiz deshalb nur sein, wenn Einkommen, Vermögen und Steuerbelastung wieder gerechter verteilt werden. Alles andere ist politischer Kitsch.

Die zweite Tugend ist die Offenheit. 1848 gewährte die Schweiz politisch Verfolgten aus ganz Europa Asyl und weigerte sich, sie an benachbarte Monarchien auszuliefern. Wirtschaftlich war die junge Demokratie eng mit den Nachbarländern und ihren Kolonien vernetzt. Unternehmer, Studierende und Arbeitskräfte überquerten in beiden Richtungen die Grenze. Als rohstoffarmes Binnenland mitten in Europa ist die Schweiz auch heute auf diesen Austausch angewiesen. Umso grösser müsste das Interesse sein, die Spielregeln des internationalen Handels fair und demokratisch zu gestalten. Die Wirtschaft soll den Menschen dienen und nicht umgekehrt.

Die dritte grosse Tugend der Schweiz ist der Pioniergeist. Der längste Bahntunnel der Welt,
das Verbot von Kinderarbeit, die Einführung des Katalysators – wo ein Problem war, wurde es nach dem Prinzip «l’état c’est nous» gemeinschaftlich gelöst. Genau diesen Pioniergeist braucht die Welt heute. Pioniergeist gegen den Klimawandel, die immer brutaleren Kriege oder die Knappheit an Rohstoffen. Es ist völlig unschweizerisch, sich wie der Bundesrat heute immer nur hinter anderen Ländern zu verstecken. Die Schweiz ging 1848 voran, und wir haben es bis heute nicht bereut.

Das grosse Vorbild des föderalistischen Bundesstaates waren übrigens die USA. Dort werden aktuell in rasendem Tempo die Institutionen und Werte zertrümmert, die unsere Vorfahren aufgebaut haben. Auch in Europa und in der Schweiz sind ähnliche Kräfte am Werk. Schlagen wir sie mit unserem Mut und unseren Traditionen. Wir sind so frei!

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper.