Der Kommentar: Hunderttausend demonstrierten in Frankreich wochenlang gegen die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe – also gegen ein Recht, das die Schweizer Bevölkerung Homosexuellen bereits 2005 zugestanden hatte. Mit der aufgegleisten Stiefkindadoption geht die Schweizer Politik jetzt gar einen Schritt weiter. Im Vergleich zu Frankreich wirkt sie deshalb geradezu aufgeklärt und modern.

Doch der Eindruck täuscht: In jüngster Zeit konnten die konservativen Kreise auch hierzulande mehrere Erfolge feiern, insbesondere bei gesellschaftspolitischen Fragen wie Familie, Erziehung oder Religion. Die Annahme der Minarettinitiative markiert den Anfang, die Ablehnung des Familienartikels, der eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie wollte, ist das jüngste Beispiel. Weitere Kulturkämpfe stehen an: unter anderem bei der SVP-Familieninitiative, den zwei Abtreibungsinitiativen und beim absehbaren Referendum gegen das Recht auf die Stiefkindadoption für homosexuelle Paare.

Die Gegner, die sich jetzt bereits in einem Komitee zusammengeschlossen haben, sind keine exotisch Ewiggestrigen. Sie liegen mit ihrer Opposition durchaus im Trend. Die Verlagerung der Kampfzone ins Private, vor allem in die Familie, mag erstaunen. Sie lässt sich aber auch dadurch erklären, dass die Bewahrer in anderen Politfeldern die Schlacht verloren haben. In der globalisierten Schweizer Wirtschaft zum Beispiel haben sie keine Chance, das Rad zurückzudrehen. Das Bankgeheimnis ist gefallen, das kann auch die jüngst lancierte Privatsphären-Initiative nicht ändern. Bei gesellschaftspolitischen Fragen hingegen lassen sich symbolische Zeichen setzen gegen die rasanten Veränderungen.

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