Der Kommentar: Nie war es einfacher, sich über Angela Merkel lustig zu machen. Die Kanzlerin stand an der Seite des amerikanischen Präsidenten, als sie den Satz sprach, der ihr seit Tagen um die Ohren fliegt: «Das Internet ist für alle Neuland.» Es klang wie aus dem Mund der schwäbischen Hausfrau, die Merkel gerne mimt. Das Internet, terra incognita? In welchem Jahr lebt «Mutti» überhaupt?

Doch wer sich einmal durch den Spott in den sozialen Netzwerken geklickt hat, muss sich fragen: Wer begreift denn die gewaltigen technologischen Umwälzungen unserer Zeit wirklich? Immer deutlicher zeigt sich in diesen Tagen das Missbrauchspotenzial, das unsere digitalen Daten für Staaten und Firmen bietet. Wenn nun der britische Geheimdienst davon träumt, das Internet zu «beherrschen», zeigt sich, welche Allmachtsfantasien die neue Welt bei Sicherheitsbehörden freisetzt.

Der Wandel des digitalen Zeitalters geht noch viel tiefer. Täglich generieren wir Unmengen an Daten, ohne zu erkennen, wie kurz ihre Lebenszeit ist. Wer hat in zehn Jahren noch ein CD-Laufwerk zu Hause, um die Dokumente von gestern auszulesen? Das gilt nicht nur für private Daten, sondern auch für unser kollektives Gedächtnis. Informationen, die auf Tontafeln, Pergament und Papier Jahrhunderte überdauerten, lagern heute auf fragilen Festplatten oder schweben in Datenwolken. Gut vorstellbar, dass unsere Zivilisation dereinst weniger Spuren hinterlassen wird als die Menschen vor uns.

All dies soll uns nicht zu Maschinenstürmern machen. Doch ein Bewusstsein dafür, dass wir uns tatsächlich auf unbekanntem Terrain bewegen, würde nicht schaden.

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