Beim Anblick dieser Klasse kamen mir die Maturanden in den Sinn, die ich vor den Sommerferien erlebt hatte. An einer Kantonsschule war ich Experte bei den mündlichen Prüfungen, ein Überbleibsel meiner früheren Lehrertätigkeit. Bei diesen 19-Jährigen vibrierte höchstens das Handy, sonst gar nichts: Viele hatten zwar tapfer gelernt, aber so etwas wie Leidenschaft oder gar Freude – zu zeigen, was man kann – war bei kaum jemandem spürbar. Vielleicht ist der Vergleich ein bisschen unfair: erster Schultag gegen Maturprüfungstag. Trotzdem hat er etwas Bezeichnendes. Unser Schulsystem bringt es fertig, dass viele Schüler im Verlauf der Jahre die Freude am Lernen verlieren. Das zeigt sich beim Lesen: Kinder stürzen sich von Natur aus auf Bücher, irgendwann aber wirken diese für manche Schüler wie eine Strafaufgabe. Liegt das in ihrer Natur oder nicht eher am System?

In unserem heutigen Schwerpunkt gehen wir der Frage nach, wie sich die Schulen in den nächsten zehn, zwanzig Jahren verändern werden. Das Reformtempo wird zunehmen, weil sich die Anforderungen im digitalen Zeitalter ändern. Es ist zweifellos richtig, dass sich die Schule diesen anpasst. Und doch lehrt die Erfahrung, dass Reformen überschätzt werden. Seit den 90er-Jahren wurden unzählige Neuerungen eingeführt. Entscheidend sind am Ende nicht der Lehrplan, nicht das Notensystem, nicht die Frage Frontalunterricht oder Gruppenarbeit, ja nicht einmal die Klassengrösse. Ob man etwas lernt und mitnimmt fürs Leben, ob man die angeborene Lernfreude behält oder nicht, hängt mehr als von allem anderen von einem Faktor ab: vom Lehrer, von der Lehrerin. In der Kantonsschule beispielsweise hatte ich einen Deutschlehrer, Uli Däster, der wegen seiner Strenge zwar nicht sonderlich beliebt war, uns aber beibrachte, was gutes Deutsch ist. Er strich in Aufsätzen unnötige Adjektive, das Wort «schlussendlich» trieb er uns aus: Entweder «schliesslich» oder «endlich», das sage schon alles. Dass es mich in den Journalismus zog, hing auch mit diesem Lehrer zusammen.

Wovon lesen wir in diesen Tagen? Die Bildungspolitik zankt um Fremdsprachen, um die Kadenz von Zeugnissen und andere Belanglosigkeiten. Dabei wäre die wirksamste Schulreform ein Programm, das die am besten geeigneten Menschen aus der Gesellschaft für den Lehrerberuf begeistert. Menschen, die dann ihre Begeisterung an die Kinder weitergeben – und dafür sorgen, dass die angeborene Freude am Lernen, wie wir sie am ersten Schultag sehen, erhalten bleibt.

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