Doch was ist das? Nein, das kann nicht sein. Ein Sexshop? Gibt es so etwas in Mormonville? Tatsächlich. „Mischievous Pleasures“ heisst der Laden. Böse Vergnügen. In Salt Lake City. Das muss ich mir genauer ansehen.

Hi. Ich heisse Benjamin, ich bin Journalist aus der Schweiz. Tut mir leid, aber ich bin etwas erstaunt, dass es hier einen Sexshop gibt.
„Wieso?“, fragt Verkäuferin Morgaine.
Das ist doch Salt Lake City. Die Stadt der Mormonen. Hier sollte doch alles ultrakonservativ sein. Und ihr verkauft hier Sexspielzeug?
„Ach so. Nein, nein, so schlimm ist es hier gar nicht. Es gibt hier sehr viele Sexshops. Salt Lake City ist eigentlich ziemlich liberal.“
Wie bitte? Liberal?
„Ja, es kommen sogar sehr viele schwule Studenten hier an die Uni.“
Aber ich dachte...
„Na ja, stimmt, wir dürfen keine Pornos verkaufen.“
Aha, wusste ichs doch!
„Ja, Pornos sind illegal. Erlaubt sind nur sogenannte Sex-Instruktionsvideos mit Lerncharakter. Wir sagen den Leuten dann einfach, sie sollen ins Internet, wenn sie Pornos wollen.“

Schwule und Lesben können sich also in der Stadt problemlos und hemmungslos bewegen?
„In der Stadt ja. Aber in den Geschäften, die der Kirche gehören, gibt es schon einige Regeln. Händchenhalten und Küssen ist dort soviel ich weiss, nicht erlaubt. Zumindest inoffiziell.“ Kirchenvertreter streiten dies ab, aber dennoch kursieren offenbar solche Gerüchte.

Die muntere 23-Jährige zeigt mir einen Artikel des Onlineportals Advocate.com für Homosexuelle. Dort wurde Salt Lake City kürzlich gar zur „Gayest City in America“ gewählt – wenn auch die Kriterien nicht ganz ernst gemeint sind, wie zum Beispiel die Frage, wie viele internationale Mr. Leather-Halbfinalisten eine Stadt hat, oder wie viele Nackt-Yoga-Kurse angeboten werden. Dennoch überrascht dies. Schliesslich ist Salt Lake City auch die Stadt von „Evergreen“, einer Kirchen nahen Organisation, die versucht, Schwule und Lesben auf heterosexuelle Bahnen zurückzubringen.

Kommen denn manchmal auch Mormonen hierher?
„Sicher, auch Mormonen kaufen Sextoys. Man erkennt sie ja relativ schnell. Sie sind sehr konservativ angezogen, immer mit Hemd. Und sie sind immer sehr scheu. Aber wir sprechen sie nie auf ihren Glauben an.“

Morgaine arbeitet jeweils am Abend im Sexshop. Tagsüber studiert die Tattoo-Liebhaberin Philiosophie an der University of Utah. Sie ist in Salt Lake City geboren und aufgewachsen. Als Mädchen ging sie zwar auf eine evangelische Privatschule, „aber meine Mutter war alles andere als gläubig, und somit war ich immer die Komische. Ich war nie religiös.“ Bevor sie ihr Studium anfing, zog sie nach Austin, Texas, und arbeitete bei General Motors (GM). „Als die Firma pleite ging, haben sie mir den Lohn um einen Drittel gekürzt. Und Ende 2010 musste ich dann gehen.“ Sie kam zurück nach Utah. Und heute ist sie GM – General Manager von „Mischievous Pleasures“.

Ich verlasse den Laden, und stelle fest, dass ich mein Bild von Salt Lake City ein erstes Mal anpassen muss, auch wenn die Stadt wohl nicht ganz so liberal ist, wie sie Morgaine sieht. Aber die Kirche hat an Einfluss auf das gesellschaftliche Leben verloren, die gläubigen Mormonen ziehen vermehrt in die Vororte, während die Innenstadt liberaler und vielfältiger wird. Morgaine ist das beste Beispiel dafür. Dass sie mit konservativen Mormonen definitiv wenig am Hut hat, zeigte sich spätestens am Schluss unseres Gesprächs.

Noch eine Frage. Würdest du eventuell für ein Bild posieren, wenn es dir nichts ausmacht?
„Klar. Mit oder ohne Dildo?“

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