Während die grosse Mehrheit der Leser die Kritik an den Verschärfungen teilte, waren Politiker aus CVP und FDP empört, dass ihnen Unmenschlichkeit vorgeworfen wurde. «Übel» sei das, schrieb mir ein prominenter Nationalrat, und ein anderer schlug vor, der «Sonntag» solle «in seinen Redaktionsräumen doch Asylbewerber aufnehmen».

Auch andere Medien kritisierten die Mitte-Parteien, die in einer Verschärfungsorgie jegliches Mass verloren. Im «Tages-Anzeiger» bezeichnete der Schriftsteller Lukas Bärfuss die Revision als «Schande». In der «Zeit» diagnostizierte Schweiz-Chef Peer Teuwsen: «Die rechtskonservative Geisteshaltung ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.»

Das alles war vor einem halben Jahr, und rückblickend war es ein Wendepunkt. Die Entscheide des Nationalrats weckten Gegenkräfte, die man hierzulande kaum vermutet hätte. Etwas pathetisch könnte man sagen: Die Zivilgesellschaft meldete sich zurück. Die meisten Mitte-Politiker realisierten, dass sie zu weit gegangen waren. Erst stutzte der Ständerat die krassesten Paragrafen zurecht, dann der Nationalrat. Diese Woche wurde das Asylgesetz mit harten, aber fairen Verschärfungen in den beiden Kammern deutlich angenommen. Die Linken waren noch immer dagegen, aber insgeheim können auch sie damit leben.

Die Schweiz ist eines der wohlhabendsten Länder der Welt, und sie soll – zum Beispiel gegenüber der EU – mit aller Kraft für ihre Interessen kämpfen, auch für jene des Finanzplatzes. Dieser Wohlstand und dieser Kampf bringen aber eine Verantwortung gegenüber den Schwächsten mit sich. Dass das Parlament die Verantwortung am Ende wahrgenommen hat, ist so kurz vor Weihnachten eine gute Nachricht.

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