Wirklich geliebt werden die Reichen wohl nirgends, und das war schon immer so: «Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt», lautet eines der berühmtesten Gleichnisse in der Bibel. Wenn es aber in Europa ein Land gibt, in dem Reichwerden zumindest nichts Anrüchiges war, vielleicht sogar erstrebenswert, dann ist es, nebst Grossbritannien, wohl die Schweiz.

Weltweit einmalig, hat das Volk in Abstimmungen die Steuergesetze und die gesamte Wirtschaftsordnung so ausgestaltet, dass sich die Vermögenden bei uns ganz besonders wohlfühlen: Initiativen für höhere Steuern für die oberen Einkommen hat das Volk konsequent abgelehnt, ebenso die Einschränkung des Steuerwettbewerbs zwischen den Kantonen, der die Steueroasen etwa in den Kantonen Schwyz und Zug erst möglich macht.

Das Volk hat so entschieden, weil es, erstens, glaubte, von den Reichen zu profitieren – diese zahlen Steuern und schaffen Jobs. Und, zweitens, weil die Mentalität vieler Schweizer dem amerikanischen Traum entspricht: Vielleicht bin ich selber eines Tages auch mal reich, also stimme ich schon mal so ab. Es ist wohl nicht falsch, dieses Phänomen als eine Erklärung für den im internationalen Vergleich hohen Wohlstand unseres Landes zu bezeichnen.

Doch diese Logik stimmt für viele Menschen offenbar nicht mehr. Weite Teile des Mittelstandes sehen sich nicht mehr als Profiteure, sondern als Verlierer des Systems. Haben die Schweizer früher, wenn sie sich zwischen Wettbewerb und Staatseingriffen entscheiden mussten, regelmässig den Wettbewerb vorgezogen, so ist seit 2006 eine «Präferenzverschiebung» Richtung Staatseingriffe festzustellen, wie der Vox-Trendbericht des Forschungsinstituts GfS Bern aufzeigt: Im Zweifelsfall also soll die Politik ran – der freie Markt löst die Probleme nicht. Diese Tendenz äussert sich verstärkt seit der Finanzkrise, in welcher der Kapitalismus seine hässliche Fratze zeigte: Gier, Exzesse, Verantwortungslosigkeit.

Es ist folgerichtig, dass die Politik als Korrektiv wieder an Bedeutung gewonnen hat. Die Frage ist nur: Wie stark soll korrigiert werden? Wenn die 1:12-Initiative, die Mindestlohn-Initiative und die Erbschaftssteuer-Initiative alle angenommen würden, wäre die Schweiz unterwegs zu einem kleinen Frankreich à la Hollande. Schwer vorstellbar, dass sich hierzulande Mehrheiten dafür finden lassen, wenn es dann wirklich ernst gilt.

Wir müssen die Reichen nicht lieben, aber wir sollten sie nicht ärmer machen. Denn davon wird kein Armer reicher. Aufgabe der Politik müsste sein, die breite Bevölkerung wieder teilhaben zu lassen an der Wohlstandsentwicklung, von der in den letzten zehn Jahren einseitig die globale, mobile Elite profitiert hat. Die Unzufriedenheit in der Mitte der Gesellschaft hat sich zuerst durch Treten nach unten geäussert: Für viele waren die Ausländer schuld an allem. Nun scheinen die Reichen das neue Feindbild geworden zu sein. Sündenbock-Politik aber löst keine Probleme.

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