Der Vater der Nati-Euphorie mag solche Fragen nicht, denn es sind für ihn reine Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Mathematiklehrer Ottmar Hitzfeld orientiert sich lieber an Zahlen, Fakten und Ergebnissen. Hitzfeld ist ein akribischer Arbeiter, der kein Heilsbringer sein will, wie er dem «Sonntag» schon Anfang April in einem grossen Interview sagte: «Da wird eine Erwartungshaltung geschürt, der man nicht gerecht werden kann.» Als die Boulevardpresse schrieb, jetzt komme der Messias, hätte er «am liebsten wieder abgesagt». Gott sei Dank hat er nicht!

Die kleine Schweiz fällt auf im WM-Konzert der Grossen, wo die Favoriten vorerst irritieren: Die Engländer treffen nicht, die Franzosen langweilen, die Deutschen verwirren und die Brasilianer schwächeln. Nur Argentinien überzeugt und Italien halbwegs. «Ein kleines Wunder» sei der Sieg gegen Spanien gewesen, sagte Hitzfeld gestern an der letzten Pressekonferenz vor dem Chile-Spiel. Der Kollege von der britischen «Mail on Sunday» fragte mich am Telefon: «Stimmt es, dass die Schweizer nach dem Sieg auf die Strasse gegangen sind?» Ja, es stimmt. Er konnte es kaum glauben: «Ihr Schweizer seid doch so kühl, oder nicht?» Nein, sind wir nicht. Denn Hitzfelds Team wärmt die Volksseele.

Der Mann, der sich nicht als Heilsbringer sieht, ist tief religiös. Hitzfelds Bekreuzigung nach Spielschluss war eine Geste der Dankbarkeit, wie sein Freund Josef Hochstrasser weiss (siehe links). Wir sind auch dankbar. Denn Hitzfeld lässt uns träumen, dass aus dem 1 zu 0 ein Winter-Märchen im Sommer werden kann.