Hinter mir liegt Obamas Heimatstadt Chicago im Staat Illinois. Der Amtrak-Zug führt mich nach Detroit, Michigan. Wie Illinois wird auch Michigan mit grösster Wahrscheinlichkeit Obama wählen. Aber Detroit ist nicht einfach nur ein weiteres Obamaville.

Detroit ist Motor City. Hier herrschen „The Big Three“: General Motors (GM), Chrysler und Ford. Und es waren die ersten Beiden – und mit ihnen tausende von Jobs – die Barack Obama mit Staatsgeldern gerettet hat. Zum Ärger vieler konservativer Politiker, die gegen eine staatliche Intervention gekämpft haben. Sie stellten den freien Markt über alles. Und der freie Markt bringt nun mal Opfer, meinten sie. So sah das auch Mitt Romney, der damals in einer Kolumne forderte: „Let Detroit Go Bankrupt“ – Lasst Detroit bankrottgehen.

Heimat von Romney
Auch der Republikaner sah die wichtige Rolle der Stadt für die nationale Wirtschaft ein, wollte die Rettung aber nur unter privater Führung gutheissen, ohne den Einsatz von Steuergeldern. Romney kennt Detroit. Der ehemalige Gouverneur von Massachusetts ist in einem wohlhabenden Vorort Detroits aufgewachsen. Und sein Vater George Romney machte als Präsident eines grossen Autoherstellers sein Vermögen, ehe er Gouverneur von Michigan wurde und sich 1968 erfolglos für die Präsidentschaftskandidatur seiner Republikanischen Partei bewarb. Sein Gegner in den Vorwahlen damals hiess Richard Nixon.

Detroit ist auch die Stadt des Motown-Labels, das Musiker wie Stevie Wonder, The Temptations, Marvin Gaye, Diana Ross und Michael Jackson berühmt machte. Noch heute können Touristen das Studio besichtigen, in dem Hits wie „My Girl“, „Stop! In the Name of Love“, oder „Please Mr. Postman“ aufgenommen wurden. Und die Stadt brachte einen der erfolgreichsten Rapper aller Zeiten hervor: Eminem.

Doch anstatt mit wohlklingenden Motown-Songs, werde ich in Detroit mit drei Warnungen empfangen. Auf der Fahrt von der kleinen, ärmlich wirkenden Zugstation ins Hotel, kommt die erste. Der Taxifahrer erzählt mir, wie gefährlich Detroit ist. Nicht nur ausserhalb, sondern überall, auch im Zentrum der Stadt. „Mindestens alle zwei Wochen wird hier jemand erschossen oder niedergestochen.“

Nur noch per Auto
Jetzt erinnere ich mich. Detroit figuriert regelmässig in den Top Fünf der gefährlichsten Städte Amerikas. Im Hotel angekommen – es ist mittlerweile acht Uhr abends und schon dunkel – frage ich den Concierge, ob es in der Nähe ein Restaurant gäbe. Schliesslich bestand mein Mittagessen aus zwei Mini-Cheeseburgern aus der Mikrowelle der Zug-Bar. „Es ist nicht ratsam, jetzt noch raus zu gehen.“ Dann stimmt es, dass Detroit so gefährlich ist? „Ja, absolut. Leider.“

Also esse ich in der Hotellounge einen Caesar-Salat, und frag die etwa 25-jährige Serviceangestellte, wie schlimm es hier wirklich ist, da ich nun schon zwei Mal gewarnt wurde. „Es ist wahr. Gehen Sie nicht mehr raus. Detroit ist sehr gefährlich. Ich dachte schon einige Male, ich könnte am Abend ein paar Blocks zu Fuss gehen, und wurde dann von komischen Typen verfolgt. Ich nehme jetzt nur noch das Auto.“

Nicht nur Motown...
Ich kann es noch immer nicht ganz glauben. Schliesslich ist Detroit eine Grosstadt, und zumindest tagsüber sollte man doch im Zentrum problemlos herumlaufen können. Aber ehrlicherweise haben mich der Taxifahrer, der Concierge und die Serviceangestellte doch etwas nervös gemacht. Und plötzlich erinnere ich mich nicht nur an Marvin Gaye und The Temptations, sondern auch an Filme, die in Detroit gedreht wurden - und ihre Themen. „Gran Torino“ von und mit Clint Eastwood: Rassenhass und Bandenkriege. „8 Mile“ mit Eminem: zerrüttete Familien und Armut. Und natürlich „Robocop“: Korruption und Gewalt.

Was mich wohl diese Woche in Detroit erwartet? Und in welcher Jackentasche verstecke ich am besten mein Portemonnaie? Ich gehe ins Bett, und versuche, mich etwas zu beruhigen – mit meinem iPod und Motown-Songs.

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