Der Kommentar: Niemand hat ein Patentrezept dafür, wie die Gesellschaften des Westens mit der zunehmenden Zahl Demenzkranker umgehen könnte. Neue, innovative Pflegeformen sind dringend nötig. Insofern rechtfertigt sich auch die Überlegung, Pflegeplätze im Ausland anzubieten. «Sollen demenzkranke Schweizer in Thailand betreut werden?» Schauen wir bitte genau hin! Wie sieht die Pflege dort aus? Und was sind die Vorteile, sich in Thailand betreuen zu lassen?

Vor zehn Jahren wanderte ich mit meiner an Alzheimer erkrankten Mutter nach Thailand aus und baute das Alzheimerzentrum «Baan Kamlangchay» auf, das ich heute immer noch führe. Ich lernte, wie die Thais mit älteren, gebrechlichen Menschen umgehen und ihnen Respekt zollen. Dabei hat die Familie den grössten Stellenwert in der Gesellschaft. Alles dreht sich um die Familie. So wurde meine Mutter innert kurzer Zeit zur Mutter ihrer Betreuerinnen. Auf diese familiäre Atmosphäre sprachen auch unsere weiteren demenzkranken Gäste an. Meine thailändischen Gesprächspartner reagieren immer wieder mit Erstaunen, wenn ich ihnen erzähle, dass in meinem Herkunftsland für die Betreuung von demenzkranken Menschen eigens Institutionen geschaffen werden.

Für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, ihre altersschwachen Angehörigen in der Familie zu betreuen. Diese Haltung hat mich überzeugt und bestärkt, dass Baan Kamlangchay inmitten eines thailändischen Dorfes eine Grossfamilie bleibt und am Dorfleben teilnimmt. Heute betreuen wir gerade ein Dutzend demenzkranke Menschen aus Deutschland und der Schweiz, untergebracht in sieben verschiedenen Häusern im Dorf verteilt. Der Alltag in Baan Kamlangchay gleicht eher dem eines Dorfes als dem eines Pflegeheims. Und genau dies sind die Möglichkeiten der Betreuung in Thailand. Die Menschen sollen so leben können wie damals, als sie noch zu Hause waren. Eingebunden in einen sozialen Kontext, mitten in der Dorfgemeinschaft. Ohne Zäune und Mauern. Demente Menschen aus Europa als Teil der Nachbarschaft in einer neuen Heimat, die irgendwo sein kann.

Der familiäre Umgang ist auch für thailändische Betreuerinnen und Betreuer sehr wichtig. Während ihrer Arbeit wollen sie sich in einem geborgenen, familiären Umfeld wissen. Können wir ihnen diesen Rahmen bieten, arbeiten sie motiviert und mit viel Herzblut.

Grosszügig angelegte Resorts für demenzkranke Schweizer, wie sie derzeit von einer Investorengruppe präsentiert werden, beurteile ich äusserst kritisch. Zweifellos ist der Personalschlüssel besser als in der Schweiz. Die Kernfrage ist jedoch, ob die Initianten ihr europäisches Konzept mit dem thailändischen Betreuungspersonal auch umsetzen können. Wir befinden uns in einer anderen Kultur. Mit einer anderen Denkweise. Wie reagiert die thailändische Bevölkerung zum Beispiel, wenn eine Fläche von 36 000 Quadratmetern von westlichen Demenzkranken besetzt und eingezäunt wird?

Ängste und unangenehme Fragen der Anwohner mussten die Investoren bereits über sich ergehen lassen. Letztlich handelt es sich bei den gross angelegten Projekten aber doch mehr oder weniger um geschlossene Pflegeeinrichtungen, wie sie in Europa bereits existieren, und sie bieten keine neue Perspektive. Ausser dass sie natürlich zu günstigeren Preisen luxuriöser eingerichtet werden können. Vermutlich werden aber auch hier früher oder später Probleme wie hohe Overheadkosten, komplexe Verwaltungsstrukturen und Zeitmangel in Erscheinung treten. Zudem weisen solche Grossprojekte keinen integrativen Charakter auf, da sie geschlossene Systeme sind und der Kontakt zur Umgebung und zur thailändischen Gesellschaft dadurch erschwert wird.

Von gross angelegten Demenzresorts oder lukrativen Pflegeheimen möchte ich mich deshalb klar distanzieren und nicht verwechselt werden. Ich bin überzeugt, dass die Qualität in der Überschaubarkeit und der familiären Betreuung liegt. In den kleinen Abenteuern während der Ausflüge und im Erleben und Wahrnehmen der Umgebung. Die intime und individuelle Atmosphäre einer Grossfamilie mitten in einem Wohnquartier in Thailand ermöglicht tagtäglich jene menschliche Nähe, die demenzkranke Menschen benötigen.

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