Doch dieses «Schweizerische» an ihr scheint Angela Merkel in den vergangenen Wochen abhandengekommen zu sein. Ausgelöst womöglich durch die wüsten, ausländerfeindlichen Auswüchse in Ostdeutschland, zeigte sie Emotionen. Plötzlich waren da grosse Worte und grosse Gesten: «Wir schaffen das», «Asylrecht kennt keine Obergrenze» und dazu die Selfies mit Flüchtlingen, die um die Welt gingen. Damit weckte die Kanzlerin Hoffnungen bei Hunderttausenden. Hoffnungen, die sie nicht erfüllen kann, zumindest nicht im Alleingang.

Das betrifft auch die Schweiz. Wenn Angela Merkel die Flüchtlingspolitik radikal ändert und Dublin zumindest vorübergehend ausser Kraft setzt, hat das mehr Folgen, als wenn das Parlament in Bern diesen oder jenen Paragrafen im Asylgesetz ändert. Und womöglich hat das auch Folgen für die Wahlen in vier Wochen. «Ein Satz von Merkel kann die Umfragen auf dem ganzen Kontinent durcheinanderwirbeln», schreibt der «Spiegel» und verweist auf die ansteigenden Werte für die FPÖ in Österreich und darauf, dass Marine Le Pen die nächste Präsidentin Frankreichs werden könnte. Nicht erwähnt wird die SVP, aber es ist naheliegend, dass die Flüchtlingskrise der Rechtspartei bei den Wahlen eher nützen als schaden wird (siehe Artikel Seite 11).

Hat Angela Merkel einen historischen Fehler begangen? Darüber zu urteilen, wäre zu früh – viel hängt jetzt davon ab, ob sich die Flüchtlingsströme abschwächen. Vielleicht wird man eines Tages auch sagen: Merkel hat Europas Ehre und Europas Werte gerettet. In der EU hat sie sich mit ihrer Politik der Barmherzigkeit vorerst isoliert. Einmal abgesehen davon, dass das schon wieder etwas Schweizerisches hat, gilt auch für die «neue» Angela Merkel: Sie passt noch immer besser zur Schweiz als all die Stacheldraht-Politiker, die zurzeit auf unserem Kontinent Hochkonjunktur haben.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper