Der Kommentar: Mit seiner Ankündigung im Sommer, sein grosses Ziel in diesem Winter sei der erstmalige Gewinn der prestigeträchtigen Vierschanzentournee, machte Simon Ammann eine klare Ansage. Noch selten hat ein Schweizer Sportler auf diesem Niveau so offensiv angekündigt, dass ihn nur der Sieg interessiere. Auch wenn nach der grossartigen letzten Saison offensichtlich war, dass der Tourneesieg der einzige grosse Titel ist, der ihm als Skispringer noch fehlt: Ammann schien sich damit selber unter enormen Druck zu setzen.

Erst recht rieben sich die Skisprung-Beobachter die Augen, als der Schweizer Überflieger vor der Tournee keck behauptete, er wolle nicht nur, er werde auch den Gesamtsieg holen. Und dies, obwohl er sich nach Rückenproblemen in der Saisonvorbereitung offenkundig nicht mehr in der überragenden Olympiaform befindet. Mit dieser Prophezeiung begab sich Ammann endgültig auf einen schmalen Grat und nahm bewusst in Kauf, im Fall eines Absturzes als arrogantes Grossmaul dazustehen.

Man kann darüber diskutieren, ob es nötig war, den Tourneesieg öffentlich zu versprechen. Doch Simon Ammanns selbstbewusstes Auftreten ist primär eine Qualität. Sie zeugt von einer professionellen Einstellung, von der sich mancher Spitzensportler eine Scheibe abschneiden könnte. Hätte Ammann nach seinem mässigen Abschneiden vor Weihnachten in Engelberg oder nach dem missglückten Tournee-Auftakt in Oberstdorf nicht mehr an sich geglaubt, dann wäre er beim Neujahrsspringen in Garmisch von vornherein chancenlos gewesen.

Natürlich soll jetzt nicht jeder halbwegs talentierte Junior behaupten, er werde bei den nächsten Olympischen Spielen die Goldmedaille holen. Bei einem Athleten auf dem Niveau eines Simon Ammann ist es aber ein Zeichen von Format, sich von jeglicher Tiefstapelei zu verabschieden und sich den grossen Herausforderungen zu stellen. Auch wenn damit noch nicht garantiert ist, dass es mit dem grossen Triumph tatsächlich klappen wird.

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