Shops mit Leder-Kostümen und Sexspielzeug, Flyer für nackte Putzmänner, Travestie-Shows, Aufklärungsbanner gegen Aids, Männer-Saunas – und vor allem Regenbogen-Fahnen, so weit das Auge reicht. Im Castro-Viertel in San Francisco ist noch immer vieles von Homosexualität geprägt. Wenn auch etwas gar klischiert. Schliesslich gilt es, die vielen Touristen zu befriedigen, die ins Herz der LGBT-Gemeinde pilgern. LGBT steht in den USA für «Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender» – Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle.

Doch die Idylle von Castro trügt. Denn die amerikanische LGBT-Gemeinschaft fühlt sich im Stich gelassen. Ihr grösstes Anliegen – die gleichgeschlechtliche Ehe – ist in Washington politisch stark unter Beschuss der konservativen Rechten. Und schon nächstes Jahr könnte es zu einem Richtungsentscheid kommen, wie die USA mit der Homo-Ehe in Zukunft umgehen möchten. Die Nervosität ist gross.

Rückblick: 1996 unterzeichnete Präsident Bill Clinton das sogenannte Doma-Gesetz («Defense of Marriage Act»). Dieses stellte auf nationaler Ebene klar, dass eine Ehe nur zwischen einem Mann und einer Frau anerkannt wird. Die Gegner klagten. Dennoch ist es bis heute in Kraft und schliesst gleichgeschlechtliche Partner von vielen Rechten und Privilegien auf Bundesebene aus, wie zum Beispiel von Sozialleistungen oder dem Erbrecht.

Auch die Mitbürger in Kalifornien haben die LGBT-Gemeinschaft enttäuscht. Im November 2008 sorgte der «Golden State» an der Westküste für eine Überraschung. Die Bürger stimmten Ja für die Vorlage «Proposition 8» und sprachen damit gleichgeschlechtlichen Partnern das Recht ab, sich zu vermählen. Zuvor hatte San Franciscos Bürgermeister Gavin Newsom auf eigene Faust beschlossen, Schwule und Lesben vermählen zu lassen. So liessen sich zwischen März und November 2008 Tausende Homosexuelle trauen. Auf dieses kurze Hoch folgten die Abstimmung und die grosse Ernüchterung. Immerhin blieben die bereits geschlossenen Ehen gültig.

Konservatives Kalifornien
Doch wie ist so ein Resultat im liberalen Kalifornien möglich? «Der Staat ist sicher einiges konservativer, als viele Einwohner San Franciscos glauben», sagt Andrea Shorter, Vorstandsmitglied des LGBT-Gemeinschaftszentrums in San Francisco. «Zwischen unserer Stadt und Los Angeles sind die Leute sehr konservativ. Sie sorgten dafür, dass ‹Proposition 8› angenommen wurde.»

Seit November 2008 können homosexuelle Partner im Mekka der Schwulen- und Lesbengemeinde nicht mehr heiraten. Sie müssen in einen der nur sechs US-Staaten, welche die Homo-Ehe erlauben, wie New York, Iowa oder Massachusetts. Doch stellt sich die Frage, was dies nützt, wenn der Staat zu Hause die Ehe nicht akzeptiert.

In Massachusetts amtete ironischerweise der Mormone und republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney von 2003 bis 2007 als Gouverneur. Seine Kirche hatte sich 2008 in Kalifornien finanziell stark für die Annahme von «Proposition 8» engagiert.

«Insofern wäre es sehr demoralisierend und ein Rückschlag für LGBT-Rechte, sollte Romney gewählt werden», sagt Paola Bacchetta, Professorin für Gender- und Frauenforschung an der renommierten Universität Berkeley in der Nähe von San Francisco. «Es gibt noch immer viele Leute bei den extrem Rechten, die denken, wir gehören in ein Institut für Geisteskranke.»

Entscheid naht
Sowohl «Doma» als auch auch «Proposition 8» wurden seit Inkrafttreten auf Rechtswegen torpediert. Beide Gesetze warten zurzeit auf das finale Urteil des Obersten Gerichtshofs des Landes, dem Supreme Court in Washington. Dieser dürfte kommenden Oktober über das weitere Vorgehen entscheiden. Sollte er die beiden Fälle annehmen, käme es frühestens im Sommer 2013 zu einer Entscheidung.

Doch spätestens seit dem Urteil über «Obamacare» ist es schwer geworden, einen Entscheid des Supreme Courts vorauszusagen, der in seiner Besetzung leicht nach rechts tendiert.

Mit der Anerkennung als Ehepartner erhalte man mehr als 1000 zusätzliche Rechte, sagt Paola Bacchetta von der Universität Berkeley. «Ich als amerikanische Lesbe fühle mich deshalb nicht hundertprozentig als amerikanische Bürgerin. Wir haben nicht die gleichen Rechte und somit auch nicht den gleichen Rechtsschutz auf allen Ebenen.»

«Unsere Gegner argumentieren immer mit der Heiligkeit der Ehe. Aber das ist pure Heuchelei», sagt Andrea Shorter. «Spielt Liebe eine Rolle, wenn ein 90-jähriger Milliardär ein 20-jähriges Playmate heiratet? Oder geht es um Liebe in TV-Sendungen wie ‹The Bachelor› oder ‹The Bachelorette›? Dort wird die Institution Ehe mit Füssen getreten. Die Heiligkeit der Ehe ist heute eine Gameshow!»

Historische Aussage
Umso wichtiger war es für die Schwulen und Lesben in Amerika, als sich Barack Obama am 9. Mai öffentlich für die gleichgeschlechtliche Ehe aussprach. Allerdings war das ein sehr pragmatischer Schritt, den der Präsident kaum gewagt hätte, hätte er nicht eine leichte Mehrheit der öffentlichen Meinung auf seiner Seite gewusst. Zudem relativierte er, dass dies seine rein persönliche Meinung sei und die Entscheidung weiterhin bei den einzelnen Staaten bleiben soll.

Dennoch: «Das war ein monumentaler Schritt für die Bürgerrechte», sagt Andrea Shorter. Man müsse den Moment feiern, nachdem George W. Bush acht Jahre lang nichts für die LGBT-Gemeinschaft getan hätte. Im Gegenteil: Bush unterstützte «Doma». «Bush war ein Hardcore-Evangelist. Und bei diesen Leuten herrscht viel Schwulenfeindlichkeit, Rassismus und Sexismus», sagt Shorter. Bei der gleichgeschlechtlichen Ehe gehe es im Kern um die Trennung von Kirche und Staat. «Sie ist ein Vertrag zwischen zwei Personen, nicht zwischen zwei Personen und der Kirche.»

Trotz seines Pragmatismus ist sowohl für Andrea Shorter als auch für Paola Bacchetta klar, dass Barack Obama so viel wie kein anderer Präsident zuvor für die LGBT-Anliegen getan hat. Nebst seinem politischen Coming-out für die Homo-Ehe schaffte er auch die diskriminierende Regel «Don’t ask, don’t tell» ab. Sie verbot schwulen und lesbischen Soldaten, im Militär öffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen. Ein Gesetz, das ebenfalls von Bill Clinton unterzeichnet worden war. Ausserdem gab Obama bekannt, dass seine Regierung «Doma» nicht verteidigen werde, da das Gesetz seiner Meinung nach gegen die Konstitution verstosse.

Mit dieser Haltung dürfte sich Obama wichtige Stimmen der LGBT-Bürgerinnen und Bürger gesichert haben, wählen doch schon heute laut Paola Bachetta mindestens zwei Drittel der geschätzten 8,8 Millionen Schwulen, Lesben und Bisexuellen der USA demokratisch. In San Francisco sind laut Schätzungen 15 Prozent der Bewohner homosexuell. Im Herzen von Castro sind es wohl gegen 60 Prozent.

San Francisco bleibt wichtig
Auch wenn die Homo-Ehe zurzeit in San Francisco nicht möglich ist, dürfte die Stadt weiterhin das Zentrum der internationalen LGBT-Gemeinschaft bleiben. Zu prägend ist die Geschichte, zu gross das Angebot an Kultur und Institutionen für Schwule und Lesben.

«San Francisco wird immer ein Zufluchtsort sein. Die Schwulen und Lesben sind genau so wichtig für das Bild der Stadt wie die Golden Gate Bridge, Lombard Street, Alcatraz oder die Cable Cars», sagt Andrea Shorter. Die LGBT-Gemeinschaft müsse aber in Zukunft vermehrt über den eigenen Tellerrand hinausdenken und politische Koalitionen mit anderen fortschrittlichen Bewegungen schmieden. «Wir dürfen uns nicht zu sehr in San Francisco einigeln, so wie in der Vergangenheit. Als HIV aufkam, waren wir lange auf uns alleine gestellt. Wir starben an einer schrecklichen Krankheit, und niemand kümmerte sich um uns. Wir waren Ausgestossene.»

Die Hoffnung auf mehr Anerkennung keimte an der Castro Street 575 auf. Dort lebte in den 70er-Jahren Harvey Milk. Der erste gewählte Politiker Amerikas, der öffentlich zu seiner Homosexualität stand und sich erfolgreich für die Anliegen der LGBT-Gemeinde in San Francisco einsetzte – bis er 1978 in seinem Büro im Rathaus erschossen wurde. Heute betreibt an der Castro Street 575 die «Human Rights Campaign» ein Informations-Büro und sensibilisiert die Passanten für die gleichgeschlechtliche Ehe. 40 Jahre später lebt die Hoffnung im Castro weiter.

Trailer zum Film "Milk" mit Sean Penn in der Rolle von Harvey Milk:
http://www.dailymotion.com/video/x75snm_milk-trailer_shortfilms

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