Der Kommentar: Gross war die öffentliche Empörung über «das älteste Mami der Schweiz», das sich seinen Kinderwunsch mit 64 Jahren erfüllt hat. Über die Beweggründe ihres immerhin auch schon 60 Jahre alten Mannes war nichts zu lesen. Anscheinend gelten bei Männern andere Massstäbe: altes Mami = pfui! – alter Papi = hui! «Das Alter spielt für uns keine Rolle. Wir sind gesund und fit», liess sich die Mutter zitieren. Vielleicht spielt das Alter aber für das aufwachsende Kind eine Rolle.

Doch Egoismus und verpasste Chancen im Leben sind nicht vom Geschlecht abhängig. Auch alte Männer tappen in die Falle der Selbstverwirklichung und gönnen sich auf ihre alten Tage noch einen Jungbrunnen – manchmal auch in Form von beidem: Frau und Baby. Ein Kind hat jedoch keine Wahl. Kein Kind will bei seiner Einschulung von einem Vater jenseits der Pensionierung begleitet werden. Auch wenn es scheinbar glücklich an der Hand des Grauhaarigen läuft, wird das Klassengspähnli fragen: Warum begleitet dich dein Grossvater in die Schule?

Doch wichtig sind Lebensphasen, die bei einem heranwachsenden Menschen entscheidend sind und die ein Vater aktiv begleiten und insbesondere mitgestalten sollte. Das wird Kindern von alten Eltern verwehrt. Und vor allem geht es um Folgendes: Alte Väter gehen bewusst das Risiko ein, dass sie es nicht mehr erleben, wenn das eigene Kind die Matura absolviert, eine Lehrstelle beginnt oder heiratet. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Enkel sie noch kennen, liegt bei nahezu null Prozent. Ist doch egal – Hauptsache, Mann kann sich noch fortpflanzen. Wow, bei dem geht noch was in der Hose, und das Baby ist der lebende Beweis dafür!

Immer werden in der Gesellschaft die «bösen, alten Mütter» mit ihrem Kinderwunsch jenseits der biologischen Uhr angeprangert. Doch ein Kind hat ein Anrecht auf eine ganze Familie. Es hat Anrecht auf Liebe, Wärme und Geborgenheit. Aber auch auf eine Mutter und auf einen Vater, die es lieben, beschützen, fördern und fordern. Keiner von beiden Elternteilen ist wichtiger, beide sollten Stützen für das Kind sein. Und zwar über den Kindergarten hinaus.