Der Kommentar: 22 Jahre ist es her, seit sich die Sowjetunion mit einem lauten Knall von der Weltkarte verabschiedet hat. Und doch erweckt Washington derzeit den Eindruck, als sei der Kalte Krieg nie zu Ende gegangen. Wechselweise überbieten sich die Falken mit Kritik an Wladimir Putin – angeblich ein sowjetischer Revisionist – und an Barack Obama, der den einstigen KGB-Agenten gewähren lasse. Ein «Gangster» sei Putin, sagte John Boehner, Präsident des Repräsentantenhauses. Und als aussenpolitischen «Schwächling» verhöhnte Senator Lindsey Graham seinen Präsidenten.

Innenpolitisch mag diese Kraftmeierei auf Gehör stossen: Russland und Putin sind den Amerikanern fremd geblieben. Für die Lösung der Krise in der Ukraine sind persönliche Beleidigungen aber wenig hilfreich. Im Gegenteil: Für Putin kommen solche Attacken einer Kampfansage an seine Männlichkeit gleich. Dies könnte Washington wohl noch verschmerzen. Schwerwiegender ist, dass die kalten Krieger auch die Machtposition ihres eigenen Landes unterminieren. Selbst rhetorische Brandstifter wie Lindsey Graham sind sich bewusst, dass Amerika gegen Russland keinen heissen Krieg anzetteln wird. Denn faktisch kommt die Annexion der Krim einem Nullsummenspiel gleich. Dank der Schwarzmeerflotte befindet sich die Halbinsel schon lange im Einflussbereich Moskaus.

Solche Fakten halten Graham und Konsorten nicht davon ab, heftige Kritik an Obama zu üben. Damit manövrieren sie das Weisse Haus in eine Sackgasse. Wenn die Weltmacht USA schwach wirkt, dann verspüren die Feinde des Westens Aufwind. Das war schon im Kalten Krieg so. Wenigstens in diesem Bereich sind Vergleiche zwischen der Krim-Krise und dem historischen Ringen der Supermächte zulässig.

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