Der Kommentar: Barack Obama bleibt sich treu. Während sein Umfeld die Kriegstrommeln rührt und seit Tagen vor der Gefahr warnt, die von den IS-Rebellen ausgeht, will sich der US-Präsident noch nicht festlegen. Die Gotteskrieger, die in Syrien und im Irak Angst und Schrecken verbreiteten, kämen zwar einem «Krebsgeschwür» gleich, das ausgerottet werden müsse, sagte Obama diese Woche im Weissen Haus. Gleichzeitig verkündete er, dass mit einer Ausdehnung der Luftschläge gegen die Rebellen auf syrisches Staatsgebiet vorerst nicht zu rechnen sei. Denn bisher habe Amerika «noch keine Strategie», um die Gotteskrieger zu stoppen, sagte Obama. Dann rief der Präsident noch einmal seine aussenpolitische Doktrin in Erinnerung. Heutzutage würden bewaffnete Konflikte nicht mehr durch den Abwurf von Bomben gelöst, sondern mittels stabiler diplomatischer Koalitionen.

In den Augen seiner politischen Gegner begeht der Präsident damit politische Fahnenflucht. Republikaner werfen Obama (schon lange) vor, durch seine Absage an unilaterale Militärschläge die Feinde Amerikas zu ermuntern.

Tatsächlich bewegt sich der US-Präsident auf einem schmalen Grat. Zum einen ist es wichtig, dass sich das Weisse Haus stets Gedanken über «den Tag danach» macht, den Tag also, an dem die Amerikaner ein Konfliktgebiet wieder sich selbst überlassen. Andererseits darf sich Obama nicht zum Gefangenen seiner Doktrin machen. Die letzte verbleibende Weltmacht sollte nicht zurückstehen, wenn selbst ernannte Gotteskrieger wahllos Menschen abschlachten und eine ganze Region destabilisieren. Denn früher oder später werden sich die IS-Rebellen nicht mehr mit syrischen und irakischen Zivilisten zufriedengeben.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper