Allegra!

«Google-Journalismus» lautet ein Vorwurf, den die Medien bisweilen zu hören bekommen: Die Beiträge würden am Schreibtisch zusammengegoogelt, die Journalisten den Puls der Menschen zu wenig fühlen. Wir versuchen nicht nur in der heutigen Ausgabe, aber in dieser ganz besonders, das Gegenteil zu tun: Unsere Redaktion hat diese Woche den Newsroom verlassen und ist in die Täler Graubündens ausgeschwirrt, um den vierten Landesteil zu ergründen. Das Resultat ist diese Schwerpunktausgabe zur rätoromanischen Schweiz. Solche Sondernummern haben in der nachrichtenarmen Sommerzeit schon fast Tradition: In den letzten Jahren berichteten wir aus der Romandie, aus dem Tessin, aber auch aus Berlin.

Unser Titelbild hat der Zuozer Kunstmaler Constant Könz gemalt, den viele wegen seiner Sgraffiti auf Hausfassaden kennen. Es bringt das Thema auf den Punkt: Die rätoromanische Schweiz ist bunt und vielfältig, aber auch von Eigensinn und unterschiedlichen Interessen geprägt. So wie die Schweiz als Ganzes. Was viele Unterländer nicht wissen: Die ungefähr 40 000 Rätoromanen – wie viele es genau sind, ist unklar – sprechen fünf verschiedene Idiome, die sich ihrerseits zum Teil noch stark durch Dialekte unterscheiden. Olympia-Sieger Dario Cologna erzählte uns im Interview, er spreche mit seinen rätoromanischen Langlaufkollegen oft Deutsch – weil sich sein Münstertaler Jauer-Dialekt von anderen derart stark unterscheide, dass man sich zum Teil nicht gut verstehe. Das ist etwa so, wie wenn sich Deutschschweizer und Romands auf Englisch unterhalten.

Für die Schweiz ist die Viersprachigkeit und die Tatsache, dass sich die kleine Sprachgemeinschaft der Rätoromanen im Zeitalter der Globalisierung so hartnäckig hält, eine Auszeichnung – und auch ein Image-Trumpf. Unser Land wird dafür bewundert, und dieser Effekt ist fast unbezahlbar. Die Rätoromanen selber sehen das, so unser Eindruck, etwas weniger pathetisch. Vor allem wollen sie eines nicht: Minderheiten-Mitleid. Es gilt darum – auch in der Bundes- und Kantonspolitik – die richtige Balance zu finden zwischen notwendiger finanzieller Unterstützung und dem Zulassen und Fördern von Veränderungen. Denn einen Landesteil zu ballenbergisieren: das kann nicht die Zukunft sein.

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