Der Kommentar: Wie in einem Brennglas spiegelt sich im Gewaltexzess im Fussballstadion von Port Said die Zerrissenheit der ägyptischen Gesellschaft wider: Sozial Benachteiligte Al-Ahli-Anhänger aus der Millionenmetropole Kairo werden von Angehörigen der unteren Mittelschicht einer Provinzstadt attackiert; die Polizei als Statthalterin des Militärregimes bleibt untätig.

Muss man die Mob-Attacken auf die Al-Ahli-Fans in Port Said als Zeichen dafür deuten, dass sich in Ägypten die Meinung herausbildet, die Proteste gegen Mubaraks Regime vor einem Jahr seien verfehlt gewesen? So weit darf man noch nicht denken. Aber das Fazit drängt sich auf: Solange man mit Hosni Mubarak einen gemeinsamen Feind hatte, wurden viele Verwerfungslinien innerhalb der Gesellschaft Ägyptens übertüncht. Nun ist der Feind weg. Doch die Probleme sind geblieben, sogar schlimmer geworden: Arbeitslosigkeit, steigende Preise für Konsumgüter, Willkür des Staates und Korruption.

Hier beginnt eine verhängnisvolle Entwicklung: die Mittelschicht, das Bürgertum, auch viele Arme, alle fangen an, sich einzuigeln. Und die 70 Prozent, die die Islamisten gewählt haben, erheben die Forderung nach einer «wahrhaft» islamischen Ordnung. Denn für viele gilt: Der Islam ist gleichzusetzen mit sozialer Gerechtigkeit. Es sieht für die nähere Zukunft Ägyptens nicht gut aus. Man wird sich auf mehrere Jahre unruhiger Entwicklung, auf Labilität einstellen müssen. Und was in Ägypten geschieht, ist oft prägend für andere arabische Länder. Meine Hoffnung ist schwach, dass das alles nicht in eine alte oder neue Art von Autokratie mündet.

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