Der Kommentar: Wir haben uns daran gewöhnt: Die Welt ist ungerecht. Die Fähigkeiten sind ungleich verteilt, Kopfarbeit wird mehr bezahlt als Handarbeit und das Glück folgt keinem Plan. Deshalb sind Einkommen und Vermögen ungleich verteilt. Vor 30 Jahren verdiente ein amerikanischer Chef einer börsenkotierten Firma im Schnitt 42-mal mehr als ein Arbeiter. Heute ist es mehr als das 300-fache. Entsprechende Statistiken der Salärentwicklung in der Schweiz sind mir nicht bekannt. Dass die Tendenz in die gleiche Richtung geht, ist unbestritten.

Ich bin noch in der Marketingschule erzogen worden. Das Credo war klar: «Alles für die Kunden.» Die Begründung war einleuchtend: Die Kundin erzeugt den Umsatz und davon lebt die Unternehmung. Aber plötzlich änderten sich die Verhältnisse. Nicht mehr der Kunde stand im Fokus, sondern der Kapitalgeber. Shareholder-Value wurde zur obersten Maxime.

Seit dem Altertum war Habgier immer eine Todsünde. Mit dem Shareholder-Value wurde sie zur Norm. Immerhin gab man sich noch Mühe, die exorbitant steigenden Managergehälter zu erklären. Drei Gründe wurden angeführt: Erstens würden die hohen Gehälter den hohen Risiken entsprechen. Zweitens würden die Manager den Wert der Firma in hohem Masse steigern und es sei nur billig, dass sie dafür auch angemessen entschädigt würden. Und drittens gäbe es einen globalen Markt für Topmanager und der diktiere die Gehälter.

Heute wissen wir, dass sich Topmanager mit grosszügigen Abgangsentschädigungen gegen Risiken absichern, in krassen Fällen sogar mit einer hohen Antrittsprämie. Für den Wertzuwachs einer Firma wurde ein Massstab entwickelt, der Economic Value Added, kurz EVA genannt. Der EVA wurde zum Massstab für die Gehaltentwicklung, aber nur so lange, bis die Börsenwerte der Firmen einbrachen. Nun hätte der Logik nach der Economic Value Destroyed angewandt werden müssen. Das hätte zu massiven Gehaltssenkungen geführt. Was natürlich nicht geschah. Deshalb wurde das EVA-Konzept still und leise entsorgt. Bleibt noch das Argument des Marktes für Topmanager. Da fragt man sich allerdings, warum denn der VR-Präsident von Novartis der weltweit bestbezahlte VR-Präsident ist. Weil der Aktienkurs von Novartis seit fünf Jahren stagniert? Es gibt keine rationale Begründung für überrissene Saläre. Das ist auch die Meinung des Präsidenten von Economiesuisse: «Zweistellige Millionen-Saläre lassen sich nicht erklären.»

Die sich stetig öffnende Einkommensschere ist zutiefst ungerecht. Die Ungleichheit und vor allem das Tempo, in dem die Ungleichheit zunimmt, sind unerträglich geworden. Wir empören uns, und das zu Recht. Wir müssen Thomas Minder danken, dass er uns die Möglichkeit gibt, dieser Empörung auf dem Stimmzettel Ausdruck zu geben.

Dass etwas gegen diese unheilvolle Entwicklung unternommen werden muss, scheint klar zu sein. Es wird bloss noch um Initiative und Gegenvorschlag gefochten. Beide wollen das Gleiche, und die Unterschiede sind gering. Bei beiden stellt sich die Frage, ob sie geeignet sind, die Selbstbedienungsmentalität in den Führungsetagen grosser Firmen zu stoppen.

Die meisten Kommentare äussern sich dazu skeptisch. Eine Generalversammlung von Aktionären ist keine demokratische Institution wie eine Landsgemeinde. In einigen Fällen haben in der Vergangenheit konsultative Abstimmungen über Managementsaläre stattgefunden. Verändert hat sich dadurch kaum etwas.

Das Resultat der Volksabstimmung ist deshalb primär ein Signal, dass es Grenzen der Ungerechtigkeit gibt. Das wird man weit über unser Land hinaus zur Kenntnis nehmen. Dieses Zeichen ist kraftvoller, wenn der Initiative zugestimmt wird. Nur sie verlangt die verbindliche Festlegung der Saläre durch die Generalversammlung. Dabei sollte sich die Generalversammlung an das Statement von Economiesuisse halten: zweistellige Millionensaläre gehen nicht.

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