Es war der Tag, der die Welt veränderte und in eine Zeit vor und nach 9/11 einteilte. In eine Zeit, in der Osama Bin Laden zum Synonym für das Böse wurde. Die Babys von damals sind heute 10 Jahre alt. Sie werden aus Lehrbüchern in der Schule erfahren, wie der Massenmord 3000 Menschenleben auslöschte und zu zwei Kriegen in Afghanistan und Irak führte. Aber auch, wie die Vergeltungsaktionen zu rechtsfreien Räumen wie in Guantánamo führten.

An jenem strahlend blauen Morgen in New York wurde der Welt – im Schock vereint – eine Illusion genommen. Die Illusion von einer sichereren Welt. Wir alle verloren einen Teil unserer Freiheit. Die Angst kroch sich in unsere Gedanken. Verschärfte Sicherheitsmassnahmen in Flughäfen und an Bord der Airlines vermochten nicht wirklich zu beruhigen. Um 8.46 Uhr Ortszeit begann eine neue Zeitrechnung, die bis heute andauert. Daran hat auch die Exekution von Bin Laden nichts geändert.

Krieg gegen den Terror. So wollte es US-Präsident George W. Bush nennen. Auch ein unvergessenes Bild von damals: Wie er dasitzt in dieser Schule und noch minutenlang in ein Märchenbuch stiert, als ihm die Hiobsbotschaft ins Ohr geflüstert wurde: «Wir werden angegriffen.» Nur eine traute sich damals, die US-Reaktion unter dem Motto «Auge um Auge, Zahn um Zahn» infrage zu stellen: Susan Sontag, die New Yorker Intellektuelle und Schriftstellerin («In America»). Sie sagte: «Radikale haben die Macht übernommen.» Und sie meinte nicht Bin Laden, sondern Bush und Co.

Als Verräterin wurde Sontag beschimpft. Ich habe ihre Rede nachgelesen, die sie 2003 beim Erhalt des bedeutenden Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gehalten hat. Es sind durchs Band kluge Sätze einer Patriotin, die erkennt, «dass eine amerikanische Niederlage im Irak die radikalen muslimischen Gruppen von Bagdad bis in die muslimischen Slums von Paris in ihrem Djihad gegen Toleranz und Demokratie nur ermutigen würde.» Sontag, die 2004 verstarb, liegt auch heute noch mit der Einschätzung richtig: «Der Krieg gegen den Terrorismus wird möglicherweise nie enden, denn Terrorismus wird es immer geben – so wie es immer Armut und Krebs geben wird.»

Der 10. Jahrestag ist ein Gedenken an die Opfer, die in den Trümmern von New York, Washington D.C. und Shanksville ihr Leben verloren. Es ist ein Akt von Solidarität, sich dieser Zäsur für die Welt mit all ihren Auswirkungen zumindest einmal im Jahr bewusst zu sein. Heute.

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