Der Kommentar: Axel Weber ist bestimmt ein höchst kompetenter Wirtschafts- und Finanzmarktexperte. Fachlich mag man der UBS also zur Berufung des designierten Verwaltungsratspräsidenten gratulieren. Aus dieser Perspektive gibt es zweifellos auch gute Gründe, Herrn Weber den Umzug in die Schweiz mit einer Antrittsprämie im Wert von gegen 5 Millionen Franken zu erleichtern. Aus gesellschaftlicher und politischer Sicht ist die Prämie hingegen nicht nur «unschön», wie die NZZ geschrieben hat, sondern wird als unanständig empfunden und ist genau deshalb gefährlich.

Doch ist der Anstand in wirtschaftspolitischen Fragen eine relevante Grösse? Er ist es, und zwar nicht aus links-missionarischer Motivation, sondern aus zutiefst liberaler Warte.

Fakt ist: Die Akzeptanz hoher Löhne ohne nachvollziehbaren Leistungsbezug schwindet rapide. Mit der «Minder-Initiative» und der «1:12 Initiative» werden gesetzgeberische Zwangsmechanismen verlangt, um empfundene Übertreibungen unter Kontrolle zu bringen. Auch die zunehmende Zustimmung zur gewerkschaftlichen Dauer-Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn ist ein klares Signal in diese Richtung.

Diese Entwicklungen müssen gerade die Liberalen beunruhigen: Zum einen werden alle gesetzlichen Regelungsversuche lückenhaft bleiben oder scheitern – davon zeugt allein das unsägliche Gezerre um einen Gegenvorschlag zur Minder-Initiative. Doch dem Standort Schweiz und dem Wohlstand werden sie erheblichen Schaden zufügen. Zum andern aber, und das wiegt schwerer, untergraben diese Saläre den Rückhalt der Marktwirtschaft in weiten Teilen der Bevölkerung.

Der Liberale kämpft stets und aus Überzeugung gegen einschränkende Regulierungen: Die individuelle Freiheit aller Menschen ist für ihn das höchste Gut, und er hat ein gesundes Vertrauen in die Selbstregulierung der Gesellschaft. Wie ein siamesischer Zwilling aber gehört die individuelle Verantwortung zu dieser individuellen Freiheit dazu: Liberalismus bedeutet nicht Egoismus! Diese Verantwortung gebietet es, die gesellschaftlichen Auswirkungen des eigenen Verhaltens zu bedenken.
In besonderem Masse gilt dies für exponierte Führungskräfte – auch in der Wirtschaft.

Saläre, die als nicht mehr leistungsbezogen und unanständig empfunden werden, untergraben die Glaubwürdigkeit des marktwirtschaftlichen Systems. Denn der kalte Wind des Wettbewerbs ist für alle auch unangenehm und verlangt den Menschen viel ab. Marktwirtschaft und Wettbewerb haben deshalb nur dann bei einer soliden Mehrheit der Bevölkerung den nötigen Rückhalt, wenn die Überzeugung vorherrscht, dass die Chancen auch für den Einzelnen überwiegen. Oder eben: Dass sich Leistung für alle lohnt! Dafür ist die Glaubwürdigkeit exponierter Führungspersonen von allergrösster Bedeutung.

Ein wichtiger Standortfaktor und damit auch eine wichtige Säule des Wohlstandes in der Schweiz ist der jahrzehntealte soziale Friede in unserem Land. Nicht nur die hohe Arbeitsmoral und der Arbeitsfriede machen die Schweiz für ausländische Unternehmen und Arbeitskräfte attraktiv, sondern
auch der Umstand, dass hierzulande exponierte Persönlichkeiten, Vermögende oder Personen des öffentlichen Lebens noch unbehelligt und ohne Angst Tram fahren oder einen Spaziergang durch die Stadt unternehmen können. «Gated Communities» mit Zäunen und Wachposten braucht es in
der Schweiz nicht, um sich sicher zu fühlen.

Jedoch gehört Mässigung auch weiterhin zum «Werte-Set», das nötig ist, um diese Qualitäten in Zukunft zu sichern.

Es braucht die gemeinsame Einsicht und Anstrengung der Führungsverantwortlichen in der Wirtschaft und der Politik, um den Abstieg der Eid- zur «Neid-Genossenschaft» zu stoppen und die Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft des Leistungsprinzips wieder zu stärken. Axel Webers Antrittsprämie auf ein erfolgsorientiertes Salär für seine erste Amtsdauer als Verwaltungsrat umzuschichten, wäre in diesem Sinne ein möglicher kleiner Schritt für die UBS, aber ein grosser Schritt in die Zukunft des liberalen Erfolgsmodells Schweiz.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!