Die Szene von gestern Morgen hat etwas Typisches für dieses Jahr: Daheim – in der Familie, da wo wir uns bewegen, in der Schweiz – ist die Welt in Ordnung. Die Welt selbst aber ist aus den Fugen.

2014 ist das Jahr, in dem eine neue Terrormiliz namens Islamischer Staat (IS) wie aus dem Nichts auftauchte und mit barbarischen Methoden Angst und Schrecken verbreitet. Es ist das Jahr, in dem das Gespenst des Kalten Krieges wieder umgeht, nachdem Putin handstreichartig die Krim zu Russland geschlagen hat und in der Ostukraine ein Bürgerkrieg losbrach. Es ist das Jahr, in dem laut UNO über 50 Millionen Menschen auf der Flucht sind, so viele wie nie mehr seit dem Zweiten Weltkrieg.

Draussen also Krisen, Kriege, Katastrophen, und daheim alles gut? Der Schweiz geht es tatsächlich gut. So gut, dass manche ihrer Probleme mit ihrem Erfolg und ihrer Attraktivität zu tun haben: Die Nationalbank führt Negativzinsen ein, weil zu viel Geld den Weg hierher suchte und den Franken unter Aufwertungsdruck setzte. Und das Schweizervolk beschloss eine Begrenzung der Zuwanderung, weil sie mit 80 000 pro Jahr ein Ausmass angenommen hat, das einer Mehrheit nicht mehr verkraftbar scheint.

Ist uns der Erfolg in den Kopf gestiegen? Schriftsteller Peter von Matt deutete dies kürzlich in einem Interview mit dieser Zeitung an. Er höre überall die Meinung: Wir sind die Besten, uns gehts am besten, wir brauchen niemanden. Das ist ein Wahn, wenn nicht ein Wahnsinn.

Ich habe einen anderen Eindruck. Nicht Hochmut liegt über unserem Land, sondern echte Besorgnis darüber, ob es dereinst auch unsere Kinder und Grosskinder so gut haben werden wie wir. Die allermeisten Schweizerinnen und Schweizer sind sich sehr wohl bewusst, wie wichtig die internationale Vernetzung ist, damit wir auch morgen und übermorgen in Wohlstand und Sicherheit leben können.

Unser Land war vielleicht noch nie in der Nachkriegsgeschichte so weltoffen und integrativ wie Ende 2014: Die Einwanderung aus der EU bleibt auf Rekordniveau, der Ausländeranteil stieg auf ein Allzeithoch, die Zahl der Asylbewerber ist im Verhältnis zur Bevölkerung weit überdurchschnittlich. Und all dies, ohne dass hierzulande, wie in Deutschland, eine Pegida-Bewegung entstanden («Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes») oder es zu sozialen Verwerfungen gekommen wäre.

Oft hiess es 2014, die Schweiz sei eine Insel der Glückseligen. Wir wissen zu gut, dass wir vielleicht glücklich, aber sicher keine Insel sind. Und wie schnell die Krisen, Kriege, Katastrophen da draussen auch bei uns daheim Spuren hinterlassen können.

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