VON JULIETTE IRMER

Herzinfarkt und Schlaganfall, Rheuma, Depressionen und Diabetes: Die in Fischöl enthaltenen Omega-3-Fettsäuren lindern scheinbar fast jedes Volksleiden. Glaubt man der Flut der Schlagzeilen und der Werbung von Nahrungsergänzungsmittel-Herstellern, so reicht das Schlucken von Lein- oder Fischölkapseln aus, um lebenslänglich gesund zu bleiben. Auch die Lebensmittelindustrie hat den Trend für sich entdeckt und wirbt mit Omega-3-Brot, -Eiern und -Margarine. Doch was ist dran am Wundermittel Omega-3?

Wie die Fettsäuren genau wirken, ist bislang weitgehend ungeklärt. Jerrold Olefsky und seine Mitarbeiter, Forscher an der Universität von Kalifornien in San Diego, sind nun einen Schritt weitergekommen: Sie haben den Wirkmechanismus der Omega-3-Fettsäuren in Fettgewebe aufgeklärt. Ihre Ergebnisse haben sie letzte Woche im höchst angesehenen Fachmagazin «Cell» veröffentlicht. Demnach aktivieren Omega-3-Fettsäuren, in diesem Fall die ausschliesslich in Fischöl vorkommenden Eicosapentaen- (EPA) und Docosahexaensäure (DHA), einen Schalter.

Dieser so genannte GPR- 120-Rezeptor sitzt auf der Oberfläche bestimmter Immunabwehrzellen, den Fresszellen. Im Fettgewebe übergewichtiger Menschen finden sich etliche dieser Abwehrzellen. Fehlt Omega-3, bleibt der Rezeptor ausgeschaltet. Die Fresszellen produzieren daher bestimmte Botenstoffe, die Entzündungsreaktionen auslösen – ein natürlicher Vorgang.

Da die Fresszellen im Fettgewebe aber so reichlich vorkommen, zirkulieren auch entsprechend viele Botenstoffe im Fettgewebe. Die Folge: Es können chronische Entzündungen entstehen, die eine ganze Reihe Probleme nach sich ziehen, im schlimmsten Fall die Entwicklung eines Altersdiabetes (Diabetes Typ 2). «Omega-3-Fettsäuren schalten den Rezeptor an und stoppen damit die Entzündungsreaktionen», sagt Olefsky. «Es ist ein unglaublich starker Effekt.» Die Forscher experimentierten mit Zellkulturen und genveränderten Mäusen, weitere Versuche stehen noch aus. Ihre Ergebnisse erhärten jedenfalls die Annahme, dass Omega-3-Fettsäuren sich positiv auf entzündliche Erkrankungen wie beispielsweise Rheuma und Diabetes auswirken.

Die Allheilwirkung der Fettsäuren ist allerdings umstritten. In der Zwischenzeit gibt es eine wahre Studienflut zum Thema, viele widersprechen sich. Selbst die gut belegte, positive Wirkung der Fettsäuren auf das Herz-Kreislauf-System wird von mancher Gegenstudie angezweifelt. Während eine Studie aus Norwegen zeigte, dass die Einnahme eines DHA-reichen Öls während Schwangerschaft und Stillzeit zu einem höheren Intelligenzquotienten beim Nachwuchs führt, zeigen Ergebnisse einer grossen Studie, die im April 2010 erschienen ist, dass die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren bei älteren Menschen keinen günstigen Einfluss auf die geistigen Fähigkeiten hat.

Einigkeit herrscht vor allem darüber, dass es weiterer Studien bedarf, um die Wirkung von Omega-3 genau einzugrenzen. In der Zwischenzeit empfehlen Ernährungsgesellschaften, auch die Schweizer Gesellschaft für Ernährung (SGE), den Verzehr von «1–2 Portionen Fisch pro Woche», vorzugsweise fetten Fisch wie Lachs, Makrele oder Hering. Denn unser Körper braucht die langkettigen Fettsäuren DHA und EPA. Da er sie aber selbst nicht herstellen kann, müssen sie mit der Nahrung aufgenommen werden. Die Einnahme von Fischölkapseln sollte nach Absprache mit dem Arzt geschehen, da es in seltenen Fällen zu Nebenwirkungen kommen kann.

Die pflanzliche Omega-3-Fettsäure Linolen (ALA), die in Raps- und Leinöl sowie Walnüssen vorkommt, ist nur bedingt eine Alternative. Unser Körper kann ALA zwar zum Teil in DHA und EPA umwandeln, aber in welchem Ausmass das stattfindet und inwiefern es ausreicht, ist noch nicht erforscht. David Jenkins, Forscher an der Universität in Toronto, hält die verbreiteten Empfehlungen zum Fischkonsum für fragwürdig. Angesichts leer gefischter Weltmeere brauchte es dringend Studien, die genau definierten, wer von Omega-3-Fettsäuren wirklich profitiere. Die übertriebenen und häufig nicht belegten Heilsversprechen betreffend Fettsäuren würden die Fischbestände zusätzlich unter Druck setzen.

Tatsächlich könnten im Bedarfsfall nicht alle Menschen mit Omega-3-Fettsäuren versorgt werden. Doch dafür könnte es in Zukunft eine Lösung geben: Pharmariesen wie BASF und Monsanto sind dabei, genetisch veränderte Rapspflanzen zu entwickeln, die nicht nur das pflanzliche ALA, sondern auch die Fettsäuren der Fische, DHA und EPA, bilden sollen. Das würde einerseits den Druck auf die Fischbestände verkleinern, aber vor allem die Kassen der Grosskonzerne klingeln lassen.

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