Frau Huffington, Sie sind eine der mächtigsten Medienmanagerinnen der Welt und besuchten letzte Woche das WEF in Davos. Was haben Sie dort gelernt?
Arianna Huffington: Ich habe an einer spannenden Diskussion über erfolgreiche Führung teilgenommen, also darüber, wie man seine Kräfte besser einteilt. Ein Oxford-Professor empfahl Führungskräften regelmässiges Meditieren.

Befolgen Sie seinen Rat?
Ja. Ich mache gute Erfahrungen damit. Meditieren gibt mir Energie, es führt zu klarerem Denken und besseren Entscheidungen. In der Führung geht es immer um Entscheidungen. Es gibt viele hochintelligente Führungspersönlichkeiten, die aber katastrophale Entscheidungen treffen. Ihnen fehlt das gewisse Etwas. Dieses Thema hat mich auch deshalb interessiert, weil die «Huffington Post» kürzlich eine App lanciert hat zum Thema Stressreduktion – «GPS for the soul», Navigationssystem für die Seele.

Eine solche App gehört nicht zum klassischen Geschäft eines Medienunternehmens. Haben Sie deshalb Erfolg, weil Sie auf Unkonventionelles setzen?
Ich bin überzeugt, dass sich jedes Medienunternehmen ständig weiterentwickeln muss. Für uns heisst das: Wir sind sehr gut verankert in den harten Themen, im Bereich Politik sind wir in den USA die Nummer 1. Gleichzeitig aber wollen wir unseren Leserinnen und Lesern alles zu denjenigen Themen bieten, die ganz direkt mit ihrem Leben zu tun haben, über die sie am liebsten diskutieren. Wir führen inzwischen 70 Rubriken, die meisten davon im Bereich Lifestyle – also Reisen, Heiraten, Essen, Kunst und so weiter.

Sie gründeten die «Huffington Post» 2005, heute haben Sie 850 Angestellte. Was machen Sie neben Lifestyle-Themen sonst noch besser als die anderen?
Das Wichtigste im Journalismus ist und bleibt: gute Storys liefern. Unsere Reporter recherchieren, decken auf, schreiben Serien. Das machen jedoch andere auch. Was uns unterscheidet: Wir sind gleichzeitig eine Plattform. Bei uns kommen alle zu Wort, die etwas qualitativ Hochstehendes zu sagen haben und ihre Ideen mit der Welt teilen möchten.

Kommt da nicht vor allem viel Müll zusammen?
Natürlich. Aber was bei uns publiziert wird, muss von hoher Qualität sein. Wir selektionieren streng. Auch Kommentare. Niemand kann einfach etwas posten, wir haben Gatekeepers.

Die «Huffington Post» ist eine reine Online-Zeitung. Welche Chance geben Sie der gedruckten Zeitung? Wird sie überleben?
Aber ja, davon bin ich überzeugt. Es gibt viele Menschen, die beides wollen, Print und Online. Ich auch – ich liebe Zeitungen! Da kann ich blättern, Dinge anstreichen, Artikel rausreissen.

Wird das auch die junge Generation noch schätzen? Lesen Ihre beiden Töchter Zeitungen?
Sie lesen mehr Magazine als Zeitungen. Auch die nächste Generation wird Papier schätzen. Es wird einfach beides geben. Mehr und mehr Zeitungen sind ja bereits heute auch online stark. Da findet eine Verschiebung statt: Online gewinnt, die Papierausgabe verliert.

Das Problem ist: Die Verlage verdienen mit Online zu wenig Geld. Nun wollen viele eine Bezahlschranke einführen oder haben es bereits getan. Wird das funktionieren?
Es wird künftig nicht mehr ein einziges Geschäftsmodell geben, sondern viele verschiedene. Die Pay Wall ist eines davon. Für die «New York Times» funktioniert es offenbar gut – weil sie bereit ist, auf Reichweite zu verzichten, also weniger Leser zu haben. Sie verdient viel Geld, hätte aber sicherlich mehr Leser, wenn sie gratis wäre.

Was braucht es, damit eine Bezahlschranke funktioniert?
Sie dürfen dasselbe nicht anderswo gratis finden. Sie brauchen eigene Kolumnisten, packende Hintergründe, Breaking News und so weiter.

Das wird doch alles gleich online überall verbreitet.
Klar, das machen wir auch mit Storys von anderen. Aber wir sind sehr darauf bedacht, sie korrekt zu zitieren und die ursprüngliche Quelle zu verlinken.

Planen auch Sie eine Bezahlschranke?
Nein, die «Huffington Post» wird immer gratis bleiben. Wir konnten nur deshalb so rasch derart stark wachsen, weil wir kostenlos sind. Wir finanzieren uns über Inserate und Sponsoren. So realisieren wir ein Projekt mit Goldman Sachs: Sie sponsern eine spezielle Rubrik über Frauen an der Spitze von Unternehmen.

Wo bleibt da die Unabhängigkeit?
Sie sponsern ja nicht die ganze «Huffington Post», sondern einen genau definierten Bereich, und das machen wir natürlich transparent. Denn die Unabhängigkeit ist essenziell für jedes Medium. Im Wirtschaftsteil können wir Goldman Sachs problemlos kritisieren – und tun das auch.

Dann erhalten Sie keinen Anruf vom Chef, der sich darüber beschwert?
Nein. Die sind professionell genug und wissen: Man kann keine glaubwürdige News-Organisation betreiben, ohne absolut unabhängig zu sein.

Sie sagten einmal: «Die Revolution der Medien führt zur Renaissance des geschriebenen Wortes.» Wie meinen Sie das?
Es ist faszinierend, wie viele Menschen sich heute in Blogs und Kommentaren ausdrücken. Da finden Sie eigenständige Stimmen, die man früher gar nicht gehört hätte, weil die traditionellen Zeitungen sie nicht abgedruckt hätten. Durch das Internet werden heute viele Menschen entdeckt – gute Journalisten etwa. Wir jedenfalls haben schon einige entdeckt. Oder ein anderes Beispiel: Wir haben eine Teenager-Rubrik. Eine junge Obdachlose hat bei uns ein wunderbares Stück geschrieben. Jemand auf der Zulassungsstelle der Harvard University hat das zufällig gelesen – und ihr sogleich einen Studienplatz angeboten. Nur wegen dieses Beitrags!

Dann müssen Journalisten heute besser sein als früher – die Konkurrenz wird härter.
Journalisten tragen nach wie vor eine sehr hohe Verantwortung, wenn es um tiefer gehende Recherchen geht. Das braucht viel Zeit und Können, das kann nicht jeder.

Sie werden «Königin der Blogger» genannt. Wie gross ist der Einfluss von Bloggern heute?
Social Media geben Menschen eine Stimme, die zuvor niemals eine Stimme hatten. Gleichzeitig bin ich alarmiert über den Hyperaktivismus, dem viele Menschen verfallen. Es ist wichtig, dass wir nicht rund um die Uhr online sind, sondern auch bewusst abschalten. Dieses Thema fasziniert mich: Wie lernen wir, den Stecker rauszuziehen? Ansonsten brennen wir alle früher oder später aus, was leider zu oft passiert.

Wie klinken Sie sich aus?
Ich achte darauf, dass ich genug schlafe, ich meditiere jeden Tag, ich mache Yoga, auch wenn ich im Ausland weile. Mindestens eine Sitzung pro Tag führe ich spazierend durch: Statt am Sitzungstisch zu reden, gehe ich mit meinem Gesprächspartner zu Fuss eine halbe Stunde lang durch die Stadt und erledige das Gespräch so.

Die «Huffington Post» hat bereits Ableger in Grossbritannien, Frankreich, Spanien, Italien, Kanada. Wo stehen Ihre Pläne mit Deutschland?
Im Frühling starten wir in Japan. In Deutschland stehen wir in Verhandlungen mit zwei Medienunternehmen betreffend Partnerschaft. Ich hoffe, dass wir dort schon bald starten können.

Ist die Schweiz zu klein für die «Huffington Post»?
Keinesfalls. Die Schweiz ist ein faszinierendes Land.

Würden Sie hier mit einem Schweizer Medienunternehmen zusammenarbeiten?
Ja, wie überall, mit Ausnahme von Grossbritannien und Kanada.

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