Wie sehr eine 2000-jährige Institution, der vielerorts Verkalkung vorgeworfen wird, ihren Ruf innert weniger Stunden verändern kann, hat der Vatikan soeben beispielhaft vorgeführt. Das uralte Verfahren der Papstwahl diente als Folie eines prägenden Auftritts, worin der neue Papst, Franziskus I., mit bewusst gewählten Gesten und einer warmen Sprache weltweit die Hoffnung weckte, die Menschen könnten im Sturm der Globalisierung wieder Halt finden.

Jorge Mario Bergoglio, Argentinier italienischer Herkunft mit deutscher Universitätsausbildung als Chemiker, ein begeisterter Hobbykoch, der schon mit 17 Jahren eine Freundin hatte, zeigte mit grosser Lässigkeit auf, dass in Zeiten der Krise starke Persönlichkeiten auch unter schwierigen Umständen einen Imagewandel bewirken können. Er ist damit zu einem Beispiel für viele Unternehmer und Politiker, gerade auch in der Schweiz, geworden.

Der erste Papst aus dem Jesuitenorden ist als der «bescheidene Papst» in das Licht der Weltöffentlichkeit getreten. Beim ersten Auftritt auf dem Balkon des Petersdoms verzichtete er auf den roten Umhang mit Hermelinpelz, wie ihn Europas Kaiser trugen. Auch die goldbestickte Stola liess er sich erst umlegen, als er den Segen spendete. Solche Gesten, die von den Analytikern interpretiert und in die Welt getragen werden, sind von tiefer Bedeutung.

Sie finden im Falle des neuen Papstes ihre Fortsetzung in fast schon legendenhafter Form: Franziskus I. fährt nach der Wahl nicht allein in der Limousine zum Lunch, sondern im Bus mit den Kardinälen. Er holt im Hotel selbst seine Koffer ab und will – in dem Hotel, das ihm, dem Vatikan, gehört – auch noch die Rechnung bezahlen. Das ist kein Abzocker, kein Spesenritter, nicht einmal ein abgehobener Theologe, sondern ein Volkspriester, der in Buenos Aires einmal sagte: «Ihr liebt eure Hunde mehr als die Menschen.»

Die sich sofort einstellende weltweite Wirkung, Jubel in allen katholisch geprägten Ländern der Erde, wo in der Schweiz sogar ein Prof. Dr. mult. Hans Küng, für viele ein eigentlicher Gegenpapst, kommentiert: «Franziskus ist ein guter Mann. Ich bin sehr zufrieden, dass wir ihn haben», ist nur möglich, weil die Kirche ihre Rituale pflegt.

Im e-commerce- und IT-Jahrhundert steigt Rauch aus einem Schlot, dessen Farbe nicht einmal klar erkennbar ist, und niemand stellt die CO2-Frage. Erwachsene Männer, Prälaten, wandern in pfauenhaften Gewändern durch barocke Prachtsäle und lassen sich vom Volk bejubeln. Daraus lässt sich nur ableiten: Die Völker wollen die Pracht der Mächtigen sehen und erleben, was der englische Königshof mit Elisabeth II. und Fürst Hans-Adam von Liechtenstein bestätigen können.

Franziskus I. erinnert in seinem Führungsverhalten sehr stark an Helmut Maucher, den heutigen Ehrenpräsidenten des Nestlé-Konzerns. Bescheidenheit und ein lockerer Auftritt zeichneten auch den Allgäuer aus, der zum erfolgreichsten CEO des Nestlé-Konzerns im letzten Jahrhundert wurde. Mauchers unbedingter Führungswille («Ich bin für Teams, aber einer muss entscheiden») trat nach aussen nie in Erscheinung.

Ich habe es selbst im Zürcher Hotel Baur au Lac erlebt, wie einem Referenten das Blatt vom Pult fiel; alle sassen wie erstarrt. Helmut Maucher sprang auf und reichte ihm das Manuskriptblatt wieder. Unter den aktiven CEOs grosser Schweizer Konzerne haben wir auch Herbert Bolliger von Migros zu erwähnen, der den Begriff «Dünkel» als Fremdwort betrachtet. Mit klaren Worten setzt er Massstäbe.

Wer jetzt und in Zukunft seinen Konzern aus der Chefposition im Griff behalten will, dies in einer Zeit beschleunigten Wandels, die als Krise interpretiert wird, muss sich auf eine Struktur stützen, die Rituale kennt. Es ist jedoch verhängnisvoll, diese häufig anzutreffenden Tabuzonen, die dazu dienen, den Fortschritt zu verhindern, unberührt zu lassen. Nur starke Persönlichkeiten, dies lehrt uns das Beispiel des neuen Papstes, können derlei über den Haufen werfen. Eine bewährte Regel bei Amtsantritt für das Topmanagement lautet «Böse Taten muss man sofort begehen», womit meist die Personalpolitik gemeint ist. Deshalb sind zögerliche VR-Präsidenten, «die ihren Laden nicht im Griff haben», für jede Firma eine Katastrophe. Die Stimmung sinkt im eigenen Haus, Umsätze und Gewinne sind rückläufig, die Risiken steigen. Die Medien werden angriffslustig.

Nicht übergangen werden darf die Frage, wie rasch sich der neue vatikanische Geist guter Kommunikation auf die helvetische Provinz überträgt. Bischof Vitus Huonder in Chur wird sich freuen, dass sein neues geistliches Oberhaupt ein Konservativer ist, der die Homo-Ehe ebenso ablehnt wie die Aufwertung der Nichtkleriker. Markus Büchel, Präsident der Schweizerischen Bischofskonferenz, wird sich freuen, einen kommunikativen Bruder im Geiste gefunden zu haben. Und Abt Martin Werlen vom Kloster Einsiedeln, der direkt an den Papst rapportieren darf, wird sich über die menschlich-charismatische Ausstrahlung des Argentiniers begeistern. Daraus gilt es abzuleiten: Jeder grosse Chef hat viele Gesichter, ganz wie eine Orgel Töne. Dazu braucht es grosse Kommunikatoren.

* Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon ZH.

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