Herr Beckmann, am 25. September moderieren Sie nach 15 Jahren zum letzten Mal Ihre Talkshow. Welcher Gast bleibt am meisten in Erinnerung?
Reinhold Beckmann: Eine ganze Reihe. Zum Beispiel das Doping-Geständnis von Bert Dietz und der Bericht von Murat Kurnaz über seine Guantánamo-Haft. Mit Loki Schmidt, der Frau von Helmut Schmidt, habe ich mich immer besonders gut verstanden. Mit ihr auf ihr bewegtes Leben zurückzuschauen, war einmalig. Sie kam aus den einfachsten Verhältnissen in Hamburg.

Gab es auch grosse Pannen?
Ich werde nie vergessen, wie Klaus Maria Brandauer ins Studio kam und sah, dass ich nicht nur ihn, sondern auch Campino von den Toten Hosen zum Gespräch eingeladen hatte. Darüber war er so empört, dass er auf dem Absatz kehrtmachte und beleidigt das Studio verliess. Grosses Theater! Später konnten wir aber gemeinsam darüber lachen.

In der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» sagten Sie, Sie seien der Debatten über Sinn oder Unsinn der politischen Talkshows in der ARD müde. Es gehe nur noch um Quote. Jede Woche werde eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Das klingt frustriert.
Ach, nein. Das ist ein, zwei Jahre her. Viele waren da der Debatte um zu viele Talkshows einfach müde und da gönnte ich mir diese Formulierung.

Gibt es zu viele politischen Talkshows?
Bei der ARD haben wir fünf Talkshows, die alle in einem ähnlichen Teich fischen. Andererseits gibt es keine Fernsehstation, die sich so inhaltsstark um aktuelle politische Themen kümmert. Aber ob man dreimal in einer Woche den Gaza-Konflikt oder die Isis-Problematik behandeln muss, ist eine andere Frage. Ich höre jetzt auf. Nach 15 Jahren darf man die Türe zumachen.

Sie kritisierten, dass die Shows Gäste einladen, die vorhersehbare ProKontra-Meinungen vertreten würden. Das taten Sie auch. Sie hatten in der Steuerdebatte den Schweizer «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel in die Sendung eingeladen.
Diese Äusserung war durchaus selbstkritisch gemeint. Unter dem Druck der Aktualität lädt man auch mal diese Berufsgäste ein. Es sollte ja in der Bude auch ein wenig krachen.

Fliessen am 25. September Tränen?
Mal sehen, was geschieht. Nach der Sendung werde ich wohl erst in Ruhe mit meinem Hauptgast einen Kaffee trinken. Danach startet die Redaktionsparty, und dann wer weiss. Wir werden die Kulisse niederreissen und jeder wird ein Stück nach Hause nehmen. (lacht)

Nächstes Jahr erhalten Sie eine neue Sendung. Können Sie mehr darüber verraten?
Ich werde zehn Reportagen à 45 Minuten pro Jahr drehen, zu spannenden Gesellschaftsthemen. Die Sendung wird jeweils montags um 20.15 Uhr ausgestrahlt werden.

Dazu moderieren und kommentieren Sie weiterhin Fussball-Spiele. Und jetzt machen Sie auch noch Musik!
Mit dem Kommentieren habe ich schon vor acht Jahren aufgehört. Aber sind wir nicht alle kleine Fantasten? Der Kellner glaubt, er sei Schauspieler, der Schauspieler denkt, er sei Regisseur, der Taxifahrer glaubt, er sei Philosoph und der Fernsehfritze glaubt jetzt auch noch, er sei Musiker.

Wie entstand die Idee dazu?
Ich habe schon immer Musik gemacht, trat auch spasseshalber mal mit Kollegen auf, zum Beispiel mit Texas Lightning, der Gruppe meines Freundes Olli Dittrich, oder mit Barbara Schöneberger. Unser Musikprojekt gibt es bereits seit vier Jahren. Ich wollte nur nicht gleich eine CD veröffentlichen. Wir haben jetzt 80 Auftritte hinter uns und sind mittlerweile eine ziemlich gute Band.

Wenn Sie heute wählen müssten zwischen Fernseh- und Musikkarriere . . .
Schwierig! Das Fernsehen hat nicht diese Unmittelbarkeit eines Bühnenauftritts. Und Musik ist persönlicher. Meine Texte sind zum Teil autobiografisch. Ich erzähle dem Publikum meine Geschichten. Im Fernsehen bin ich Journalist, also eher Brückenbauer, und liefere dem Zuschauer einen inhaltlichen Mehrwert.

Ihre Texte sind apolitisch. Dabei könnten Sie die politischen Diskussionen darin verarbeiten.
Das wäre in drei Monaten nicht mehr aktuell. Es geht mir darum, Bilder zu finden, die eine Gültigkeit haben, die einen zweiten Blick auf gesellschaftliche Dinge ermöglichen. So zum Beispiel bei unserem Song «Gangster». Der Zuhörer kann sich dann den schmutzigen Helden selber in den Text einkleben.

Auf Ihrer CD singen und spielen Sie von allem ein wenig: Jazz, Schlager, Swing, Rock, Blues, Bossa nova . . .
Ich habe einfach Lust, verschiedene Stile auszuprobieren. Auch die südafrikanische Musik ist mir nahe, da ich vor Jahren eine Dokumentation über den südafrikanischen Chor «Ladysmith Black Mambazo» drehte. Musikalisch bin ich ein Kind der 70er-Jahre. Mir gefällt aber auch das unaufgeregte Singen und die Lässigkeit des Erzählens der österreichischen Liedermacher Danzer, Ambros und Hirsch.

Hören Sie auch Stephan Eicher?
Hm, den kenne ich nicht.

Er ist ein Schweizer Chansonnier, der auf Französisch, Deutsch und Schweizererdeutsch singt.
Werde ich mir anhören. Danke für den Tipp. Ihr Schweizer seid ja Virtuosen! Ich musste erst kürzlich an die Schweizer Bahn denken. Die Band und ich wollten mit der Deutschen Bahn nach Hause fahren. Wir standen auf dem Bahnhof von Würzburg und hatten eine Reservierung für Wagen 6 und die Plätze 92 bis 96. Dann kam die Durchsage: «Ausserplanmässig fehlt heute Wagen 6.» Das passiert in Deutschland ständig! Aber wenn man in der Schweiz mit der Bahn fährt, dann gleitet der Zug elegant, geräuschlos in den Bahnhof, 30 Sekunden vor der angekündigten Ankunft. Wunderbar.

Das klingt fast nach einem Song über die SBB.
Eher über die Deutsche Bahn, der Titel wäre dann «Ausserplanmässig».

Sie haben zwei Kinder im Teenager- Alter. Was sagen die beiden zu Ihrer Musik?
Sie finden das Projekt gut, geben aber auch klare Ansagen. Mein Sohn ist Schlagzeuger und spielt Jazz, aber auch andere schräge Sachen.

Sie treten im Herbst auch in der Schweiz auf. Mit was für einem Publikum rechnen Sie?
Keine Ahnung! Der Konzertveranstalter meinte, meine Songs würden bestimmt auch dem Schweizer Publikum gefallen. Aber es wird ein kleines Abenteuer. Ich habe einige Schweizer Freunde, und die müssen jetzt private Promoarbeit leisten. Und unter vier Zugaben gehen wir nicht nach Hause! (lacht)

Sie sind 58 Jahre alt. Wann machen Sie nur noch Musik?
Das Musikmachen wird für mich weiterhin wichtig bleiben. Bisher waren wir einmal im Monat an einem freien Wochenende unterwegs. Jetzt gehe ich erstmals auf Tour und spiele nonstop von Oktober bis Weihnachten. Mal sehen, wie ich Heiligabend noch bei Stimme bin.

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