Herr Jeannet, am Montag hat Ringier Axel Springer Schweiz (RASCH) bekannt gegeben, dass L’Hebdo nächste Woche eingestellt wird. Kam das überraschend?
Alain Jeannet: Natürlich wusste ich, dass der Titel in Gefahr ist. Ich kenne die Zahlen. Wir haben seit letztem Frühling an einem neuen Konzept gearbeitet. Im September haben wir es RASCH präsentiert. Alle waren enthusiastisch. Es stützt auf Print, Online und Events ab. Neben grossen Geschichten und Investigativ-Journalismus wollten wir mit dem Einbezug von sozialen Netzen zum Katalysator von Debatten werden. Das von uns initiierte «Forum des 100», ein jährliches Treffen der tatkräftigsten Akteure der Westschweiz, ist ein enormer Erfolg. Wir wollten andere Events auf diesem Modell aufbauen. Unsere Besitzer haben natürlich nicht die Verpflichtung, defizitäre Produkte zu erhalten, aber wir glauben, dass unser Konzept neue Einnahmen generiert hätte. Leider war RASCH nicht dieser Meinung.

Wieso wurde Ihrem Konzept keine Chance gegeben?
Ralph Büchi (CEO der RASCH, Anm.) war sehr ehrlich. Er hat gesagt, dass er nicht an die Zukunft von Nachrichtenmagazinen glaubt. Er hält diese Art für obsolet. Tatsächlich ist die Lage rund um die Welt wenig aufmunternd. Sogar eine tief verwurzelte Zeitschrift wie der «Spiegel» sieht ihre Einnahmen dramatisch sinken. Wir wollten eine innovative Lösung wagen. Unsere Zusammenarbeit mit «Le Temps» innerhalb des Newsrooms hätte es erlaubt, die Produkte komplementär zu positionieren. Wir wollten diesen eher ungewöhnlichen Weg erkunden. Das Traurigste ist, dass nun so viele gute Journalisten ihren Job verlieren.

Hat die Einstellung von «L’Hebdo» auch damit zu tun, dass RASCH in Zürich zu Hause ist und das Verständnis für die Romandie fehlt?
«Le Temps» und «L’Hebdo» verlieren Geld. Ein Manager muss das berücksichtigen. Aber wahrscheinlich ist es schwer, von Zürich aus einzuschätzen, welche Rolle «L’Hebdo» in der Westschweiz spielt und wie wichtig das Magazin für die Identität der Region ist. «L’Hebdo» hat immer klar Stellungen verteidigt und sich engagiert. Unsere 156 000 Leser bedeuten eine Reichweite von 11 Prozent. Das ist nicht zu vernachlässigen. Nochmals: Wir glauben, dass unser Konzept langfristig schwarze Zahlen erlaubt hätte.

Als Erklärung für das Ende der Zeitschrift wird auch ihr Einstehen für Europa genannt. In einer Zeit, in der selbst die Romandie nach rechts rückt, sei das nicht gefragt. Einverstanden?
Das glaube ich nicht. Es sind gewisse Exponenten, welche diese Behauptung verbreiten. Wir haben über so viele verschiedene Themen geschrieben: Bildung, Migration, Digitalisierung und so weiter. Auch über Europa – das ist für jeden Journalisten ein wichtiges Thema. Wir waren immer begeistert von Innovation und Entrepreneurship. Natürlich gab es Kritik. Wir wurden als Anti-SVP-Magazin gekennzeichnet. Das ist lächerlich. Was stimmt: Wir hatten eine Vision für die Schweiz. Wir stehen ein für ein offenes Land.

Ralph Büchi hat gegenüber «Le Temps» gesagt, das Ende von «L’Hebdo» sei keine Gefahr für die Demokratie. Hat es wehgetan, das vom eigenen Chef zu hören?
Vermutlich hat er recht. Wir leben in einem Land mit einer riesigen Medienvielfalt. Es ist ein Wunder, wie gross diese Vielfalt immer noch ist – in der Westschweiz auch mit regionalen Zeitungen wie «La Liberté» «L’Impartial», «24 heures» und so weiter. «L’Hebdo» hat zu dieser Vielfalt beigetragen. Viele der besten Journalisten der Schweiz sind durch die «L’Hebdo»-Schule gegangen.

Wurde ein Management-Buy-out für «L’Hebdo» geprüft?
Ich habe gesagt: Bevor man «L’Hebdo» schliesst, könnte man das Prinzip eines Management-Buy-out als Plan B anschauen. Ich wurde von Modellen wie «Cicero» in Deutschland oder dem «Journal de Morges» inspiriert. Natürlich sind die Umstände verschieden. Aber RASCH war davon überzeugt, dass «L’Hebdo» zum Scheitern verurteilt ist. Leider. Ich hatte so viele Mails und Anrufe die letzten Tage! Ich war überwältigt. Es haben sich sogar Investoren gemeldet, die gefragt haben, wie teuer das Magazin sei. Dass so viele Leute an uns hängen, hat mich gefreut.

«Médiapourtous» schlägt die Einrichtung eines Fonds durch Westschweizer Kantone vor, der «L’Hebdo» unterstützt, bis ein Investor gefunden wird. Was halten Sie davon?
Ich bin kein Fan staatlicher finanzieller Unterstützung für Medien. Aber es ist gut, dass sich alle nach Lösungen umsehen. Es wäre interessant gewesen, bei der KTI um Unterstützung nachzufragen. Mit dieser Kommission unterstützt der Bund innovative Projekte. Davon profitiert die Pharmaindustrie genauso wie die Holzindustrie. Nur Medien reichen keine Projekte ein. Das liegt vielleicht daran, dass Medienhäuser keine Forschungsabteilungen haben – wie etwa Etienne Jornod bei seinem Amtsantritt als NZZ-Verwaltungsratspräsident erstaunt feststellen musste.

Für eine Rettung durch KTI-Gelder dürfte es nun zu spät sein.
Das denke ich auch. Ich hoffe, dass möglichst viele Abonnenten nun «Le Temps» abonnieren. Wir müssen die Leser davon überzeugen, Medien zu abonnieren. Sie haben noch nicht total begriffen, dass die Werbeeinnahmen so drastisch zusammenbrechen. In Zukunft müssen die Leser allein die Medien finanzieren, die sie als wichtig betrachten. Sie sollen sich engagieren. Ich hoffe, dass die Stilllegung von «L’Hebdo» wie ein Schock wirkt. Wir müssen uns anpassen. Das hat etwa Peter Wanner (Verleger der AZ Medien, Anm.) begriffen, indem er das Online-Portal Watson und nun die «Schweiz am Wochenende» lanciert hat. Ich hätte mir gewünscht, dass man unserem neuen Konzept eine Chance gegeben hätte.

Am Samstag haben Sie Ihre Leser zu einem Brunch eingeladen, um an der letzten Ausgabe mitzuwirken. Was ist die Idee dahinter?
Wir haben uns gesagt: Das ist die letzte Ausgabe – also lass sie uns zusammen machen! Wir werden einige unserer Leser und ihre Gedanken vorstellen. Ausserdem wollen wir zeigen, wie und wo die Zeitschrift entstanden ist – und bei dieser Gelegenheit lege ich den Lesern nahe, «Le Temps» zu abonnieren, die im selben Raum entsteht. Ich glaube, das ist eine Gelegenheit, den Leuten aufzuzeigen, dass Journalismus Geld kostet. Wir zeigen: Eure Zeitung und eure Informationen kommen aus dieser Küche – und nicht aus jener von Facebook. Wir hatten fast 400 Leute bei uns. Es war ein bewegender Moment.

Sie haben eine grosse Zeit Ihres Berufslebens bei «L’Hebdo» verbracht. Wie geht es für Sie nun weiter?
Das weiss ich noch nicht. Zurzeit bin ich traurig, aber auch motiviert, eine gute letzte Ausgabe zu machen. Dafür haben wir nur bis Mittwoch Zeit. Ich hoffe, dass die Kollegen gute Jobs finden. Wir waren ein gutes Team. Als ich 2003 als Chefredaktor begann, waren wir 40 Journalisten. Am Schluss waren es aus wirtschaftlichen Gründen noch 15. Meine Leute haben einen sehr guten Job gemacht. Wir sind unseren Werten und Überzeugungen immer treu geblieben. Und das zählt.

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