Von Ruth Schneeberger

Als in Paris der Terror tobte und IS-Attentäter 130 Menschen töteten, trafen die Programmverantwortlichen im deutschen Fernsehen schnell die Entscheidung, an diesem Wochenende im November den neuen «Tatort» mit Til Schweiger lieber nicht zu zeigen. Zu viel Geballer, das hätte pietätlos wirken können.

Was sie allerdings nicht ahnten: dass ausgerechnet in der Silvesternacht, inmitten der Til-Schweiger-Festspiele in der ARD (am Montag und Mittwoch wurden seine ersten beiden «Tatort»-Folgen gezeigt, am Freitag und Sonntag die beiden neuen), der Terror schon wieder die Medien beherrschen würde. Diesmal in Deutschland.

Ein grosses Glück für München, dass die IS-Anschläge entweder im letzten Moment vereitelt wurden oder nie geplant waren, was noch nicht klar ist. Und ein kleines Glück für Til Schweiger, denn ansonsten hätte sein «Tatort» schon wieder verschoben werden müssen. Das hätte weder ihm selbst noch seinem Kommissar Nick Tschiller gefallen. Letzterer ist ohnehin immer sauer.

Tschiller ist der Typ Raubein, den schon Götz George als Schimanski erfolgreich verkörperte: Wenn er spricht, versteht der Zuschauer kaum ein Wort, wenn er zuschlägt, dann aber Gnade seinem Feind.

Schweiger ist der Action-Held unter den «Tatort»-Kommissaren, seine Filme sind die aufwendigsten und teuersten. Sein ramponiertes Antlitz zieren in jeder Folge mehrere Pflaster. Nun wurde im dritten Tschiller-«Tatort» am Freitagabend die Kindsmutter und Ex-Frau getötet, mit der der Überheld gerade wieder anbandelte. Natürlich von seinem ärgsten Feind, dem Anführer eines kurdischen Gangster-Clans, der Hamburg in Angst und Schrecken versetzt. Man darf davon ausgehen, dass die letzte Folge am Sonntagabend noch blutiger sein wird als die bisherigen.

Damit immer noch nicht genug: Der Höhepunkt des neuen Schweiger-«Tatorts» wird nicht im TV gezeigt, sondern im Frühjahr auf Grossleinwand: Der Kino-«Tatort» wurde im Sommer in Berlin und Moskau abgedreht.

1970 zum ersten Mal in Deutschland ausgestrahlt, ist der «Tatort» die längste und beliebteste Krimireihe im deutschsprachigen Raum – inzwischen produziert von ARD, ORF und SRF in 22 Städten. Seit Jahren steigen die Quoten, es gibt Public Viewing in Kneipen wie beim Fussball, zu den Erstausstrahlungen läuft regelmässig die Community im Netz heiss. Seinen allergrössten Erfolg durfte der «Tatort» jüngst feiern:

Die beste TV-Quote des abgelaufenen Jahres fuhr eine «Tatort»-Folge im November ein: «Schwanensee» aus Münster. Mit 13,69 Millionen Zuschauern war die Sendung der Quotenhit – noch vor König Fussball mit 13,46 Mio. (Champions-League-Spiel des FC Barcelona gegen Bayern München im Mai). Schon 2010 waren 13 der 15 meistgesehenen Filme im deutschen Fernsehen «Tatorte». Ein bisschen scheint es den quotenverwöhnten Schweiger zu wurmen, dass seine stets blödelnden Münsteraner Kollegen ihm voraus sind.

Ob die Schweiger-Festspiele über Silvester das ändern, wird sich nach dem Wochenende zeigen.

Es gibt auch noch eher lahme «Tatort»-Ermittlerteams: Bei der Furtwängler schlafen einem genauso die Füsse ein wie bei den Bremer und Wiener Kollegen. Durchgehend solid sind die Münchner, die Berliner und die Kölner. Zuletzt wurden viele Experimente gewagt, die schnell wieder vorbei waren, zahlreiche Kommissare wurden ausgetauscht, manche gegen ihren Willen.

Bei jeder Folge mit Devid Striesow, einem ansonsten grossen Schauspieler, fragt man sich, warum er beim «Tatort» so schlecht spielen muss. Einzig Ulrich Tukur ist ein Garant dafür, dass noch die abgedrehtesten Drehbücher funktionieren. Sogar Harald Schmidt wird für den «Tatort» aus der Versenkung geholt – und Helene Fischer durfte mit Schweiger zeigen, dass sie nicht nur blond und lieb sein kann.

Ein paar junge Gesichter sichern den Nachwuchs bei den Zuschauern: Das Duo Nora Tschirner und Christian Ulmen soll deshalb wieder zusammen drehen. Auch das Team um den schwermütigen Ermittler Faber aus Dortmund mit der jungen Ayleen Tetzel richtet sich an Jüngere. Was für das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland ein echter Erfolg ist.

Mit den Schweigerschen Serien-Folgen springt die ARD nun auch auf den allgegenwärtigen Serien-Hype (innerhalb der Serie) auf. Also alles richtig gemacht diesmal?

Es gibt immer Leute, die meckern. So manchem ist der «Tatort»-Boom schon lange zu viel des Guten. Und sowohl die Erfinderin des Vorspanns als auch der Schauspieler, der damals seine Augen zur Verfügung stellte, klagten gegen das geringe Entgelt, das sie zu der Zeit dafür erhielten (2500 und 400 D-Mark). Aber 1970 konnte wirklich keiner ahnen, welchen Hype die einst trutschelige und steife Krimireihe dereinst einmal auslösen würde.

Mit dem «Tatort» hat die ARD zumindest vieles richtig gemacht: Sie bedient nicht nur die Zuschauer aus den unterschiedlichsten Gegenden mit regionalen Schmankerln, sie macht auch auf gehobenem Niveau das, was RTL 2 in Trashform macht: Regelmässig dem Zuschauer kaputte Welten servieren, damit er selbst sich immer noch ein bisschen besser fühlen kann. Am Ende siegt hier fast immer die Staatsmacht, das vermittelt wohlige Geborgenheit vor dem flackernden Fernseher – bevor die neue Arbeitswoche startet.

Damit überhaupt keine Missverständnisse aufkommen: «Wir sind die Guten», erinnert Tschillers Sidekick ihn noch schnell in der letzten Folge, bevor den Racheengel-Kommissar ihn aus dem Weg schafft. Inmitten der Irrungen und Wirrungen des frisch vergangenen Jahres kann das als Erinnerung nicht schaden.

Heute Abend, 20.05 Uhr SRF 1, 20.15 Uhr, ARD: «Tatort – Fegefeuer».

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