VON DENISE BATTAGLIA

Herr Buser, was empfinden Sie, wenn Sie zu den Sternen blicken?
Roland Buser: Es ist ein erhabenes Gefühl. Ich fühle mich zugehörig. Zugehörig zu einer Veranstaltung, die einmalig und trotzdem auch wirklich umfassend ist.

Wir modernen Erdenbürger beschäftigen uns kaum noch mit dem Kosmos.
Ich finde es höchst ignorant, wenn der Mensch meint, er habe das Recht, den Kosmos zu ignorieren. Das sollte in einer zivilisierten und gebildeten Gesellschaft nicht passieren.

Was sehen wir denn, wenn wir uns den Sternenhimmel betrachten?
Wer bewusst in den Himmel blickt, sieht und erkennt, dass er ein Teil von einem grossen Ganzen ist.
Dieser Teil – wir mit unserer Erde – ist, wenn man Satellitenbilder betrachtet, geradezu erbärmlich klein.
Aber der Mensch ist ein Produkt des Kosmos, er ist gleichsam herausgewachsen aus dieser seit 15 Milliarden Jahre andauernden kosmischen Entwicklung. Wir sind sozusagen der letzte Schrei.

Der letzte Schrei?
Ich meine damit nicht, dass wir das Beste sind. Die Entwicklung wurde nicht mit uns abgeschlossen, sie geht weiter. Aber wenn man bedenkt, womit es angefangen hat – mit Wasserstoff – und wozu es geführt hat – zu intelligenten Lebewesen –, dann ist man doch einfach überwältigt, stolz auf die Kapazität und Verfassung dieser Welt. Da kann man sich doch nur glücklich fühlen, dass man zu jenen gehört, die diese Metamorphose der Materie jetzt verkörpern. Dann ist man doch wohl auch nicht so beschränkt, zu sagen: Es spielt keine Rolle, woher ich komme. Da ignoriert man doch diesen grossartigen Kosmos nicht!

In der kosmischen Entwicklung steckt Sinn?
Ja, das ist die wertvollste Erkenntnis, die ich bisher über den Kosmos gewonnen habe: Die Entwicklung des Universums hat eine Richtung. Richtung ist eigentlich ein anderes Wort für Sinn. Die Richtung kommt dadurch zustande, dass die Dinge nicht einfach entstehen und wieder vergehen – in quasi ewiger Wiederholung desselben –, sondern dass die Akte der Destruktion und Konstruktion mit der Zeit zu Neuem führen und dieses Neue wieder zur Grundlage von Neuem wird. Und diese Entwicklung des Neuen geht in Richtung grösserer Freiheit.

Sie nennen diese Entwicklung «Die Naturgeschichte der Freiheit».
Ja. Die Entwicklung zu immer grösserer Freiheit erfolgte in drei Schritten, erstens: Mit seiner Geburt im Urknall löst sich das Universum zunächst aus seiner Einheit, vereinzelt sich als materielle Welt. Die Einzelteile sind aber in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt, die Sterne, Planeten, Galaxien werden durch die Gravitationskraft zusammengehalten und auf ihren Bahnen geführt. Dann entsteht das Leben, der zweite Schritt der Freiheit. Die Tiere können sich von sich aus bewegen, können die Gravitationskraft überwinden. Am freiesten können wir Menschen uns bewegen: Wir können uns nicht nur im Raum frei bewegen, sondern auch in der Zeit. Das Denken ist die Bewegung in der Zeit. Wir können uns in die Vergangenheit versetzen, wir können gedanklich in die Zukunft blicken. Das ist die dritte Stufe der Freiheit.

Sie sehen eine sinnvolle Entwicklung im Ganzen. Doch eigentlich ist doch unsere Welt ein Zufall, es dürfte sie gar nicht geben. Wie kommen Sie denn auf diese Idee?
Das sagte ein Physiker am Europäischen Kernforschungszentrum Cern in einem Interview. Er sagte, wir seien nur ein Produkt eines Unfalls, eines Symmetriebruchs. Denn eigentlich hätten Teilchen und Antiteilchen, die nach dem Urknall entstanden, einander aufheben sollen. Es blieb aber ein Teil übrig. Daraus entstand der Kosmos, unsere Welt. So etwas kann man nur sagen, wenn man erwartet, dass eine Symmetrie entsteht – dass Teilchen und Antiteilchen schon in exakt gleicher Zahl entstehen und sich deshalb auch restlos gegenseitig aufheben und wieder zerstrahlen können. Genau genommen gibt es jedoch keinen sicheren physikalischen Grund, am Anfang schon diese Symmetrie zu erwarten. Die Aussage, dass etwas nicht stattfand, was man erwartet hatte – also die Diskrepanz zwischen der Erwartung und dem, was nicht ist –, besagt eigentlich, dass man etwas nicht weiss.

Man weiss nicht, wie alles angefangen hat?
Man hat begründete Vorstellungen davon, aber eben noch kein Wissen. Man kann aufgrund einer Extrapolation in die Vergangenheit Hypothesen über den Anfang entwickeln. Man weiss aber nicht, dass diese erwartete Symmetrie am Anfang wirklich existiert hat. Man weiss hingegen, dass es diese Symmetrie kurz nach dem Anfang gerade nicht gab. Der Symmetriebruch ist zwar eine plausible, aber immer noch hypothetische Vorstellung.

Die Entstehung unserer Welt könnte auch kein Unfall gewesen sein?
Wenn Sie damit meinen, dass nur dann alles mit rechten Dingen zugeht, wenn es gesetzlich und ordentlich abläuft, dann trifft das auch auf die Hypothese des Symmetriebruchs zu. Auch der «Unfall» gehört in die Gesetzlichkeit der Natur. In der Natur gibt es Brüche.

Es kann auch Unberechenbares passieren?
Ja, und im Rahmen dieser Offenheit müssen wir uns jene Unregelmässigkeit vorstellen, die schliesslich zu unserer Welt führte. Bei dieser immensen Konzentration an Energie, wie sie vor dem Urknall vorgeherrscht haben muss, ist es möglich, dass auch einmal etwas schiefgeht. Aber was heisst schon schiefgehen: Es ist möglich, dass es einmal nicht so abläuft, wie es in der Regel abläuft: In einer Milliarde von Fällen entstehen Teilchenpaare – und plötzlich gibt es in einem Fall nur ein Teilchen.

In diesem einen unregelmässigen Fall von einer Milliarde regelmässigen Fällen ist die Welt entstanden?
Ja, das könnte sehr wohl sein.

Unsere Welt verdanken wir also doch dem Zufall.
Ich sehe schon: Den Begriff benutzt man etwas unreflektiert, wenn man andeuten will, dass nicht alles unter Kontrolle war. Ich würde eher sagen: Unsere Welt entstand spontan.

Was ist der Unterschied zwischen Zufall und Spontaneität?
Der Zufall bedeutet: Man kann verschiedene Ereignisse erwarten, weiss aber nicht, welche der Möglichkeiten sich verwirklichen wird. Was eintritt, ist dann der Zufall. Spontan heisst: Es gibt keine Möglichkeit, eine Erwartung aufzubauen. Bei der Spontaneität weiss man nichts, nicht wann, was, warum und wo etwas eintritt. Die Spontaneität ist im Gegensatz zum Zufall zuvor nicht aufgeschlüsselt in verschiedene Möglichkeiten. Die Spontaneität fängt einfach an – aus eigenem Vermögen.

Was war vorher, das diese Spontaneität ermöglichte?
Man stellt sich dies am besten als Leere vor. Leer heisst: Dort gibt es nichts, was uns aus dem Alltag bekannt wäre.

Leere kann man sich nicht vorstellen.
Die Leere selber ist eigentlich nicht leer. In der Leere steckt ein Vermögen – das Vermögen, etwas Neues entstehen zu lassen.

Astrophysiker sprechen von Vakuum.
Man geht davon aus, dass vor dem Urknall ein falsches Vakuum existierte und nach dem Urknall ein wahres. Das falsche Vakuum nennt man deshalb so, weil es im Unterschied zu einem wahren Vakuum noch keine Teilchen, jedoch wie ein wahres Vakuum Energie enthält oder besser gesagt: energeia ist.

Energeia?
Der griechische Begriff energeia bedeutet Vermögen.

Das falsche Vakuum vor dem Urknall, diese Leere, war mit Vermögen gefüllt?
Ja. Dieses Vermögen lässt sich wieder nicht experimentell oder sinnlich untersuchen. Man kann es nur theoretisch postulieren. Und das Postulat lautet: Die Energie hat das Vermögen, sich spontan in Strahlung und Masse zu verwandeln. Und mit dieser Verwandlung werden gleichzeitig auch Raum und Zeit geschaffen.

Ein faszinierender Gedanke, dass ausgerechnet die Leere das Vermögen hat, so etwas Schönes wie unsere Welt zu schaffen.
Ja, das ist grossartig! Und diese Fähigkeit zur Spontaneität, zum Kreativen haben auch wir Menschen geerbt. Wir sind unauflöslich mit der Existenz und Substanz dieser Welt und mit allem, was seit Milliarden von Jahren in den Sternen abläuft, verknüpft. Wir verfügen über ein immenses Reservoir, aus dem wir für das Leben schöpfen können.

Blicken wir an den Sternenhimmel, erfahren wir etwas über uns.
Ja, der Blick in diese Weite ermöglicht eigentlich erst, dass wir zu uns selbst kommen. Wir erhalten eine Ahnung davon, woher wir kommen. Ist der Himmel nicht grossartig? Er ist unantastbar -- und doch steht er in Kommunikation mit uns, mit unserem Geist. Und im Geist finden wir uns selbst.

Wir geraten ins Grübeln!
Der bewusste Blick provoziert Fragen – nach unserer Herkunft, danach, wie alles entstanden ist, aber auch, wie wir leben wollen. Letztlich landet man bei der Gretchenfrage: Was ist uns wirklich wichtig? Wenn einem bewusst wird, dass im Universum all das erarbeitet, ja vorbereitet worden ist, worüber wir heute verfügen -- und zwar zum Teil gedankenlos und schamlos...

... dann gingen wir anders um mit der Welt, in der wir leben?
Das ist meine grosse Hoffnung. Wir Menschen sind dank unserer Denkfähigkeit in der Lage, dieses Wertvolle zu erkennen. Das Bewusstsein hat also, wenn es nicht ganz vergisst, woher es kommt, die vornehmlichste Aufgabe, dies alles zu würdigen und ihm bewusst einen Wert zu verleihen. Und einen Wert verleihen wir, indem wir es auch als Wert behandeln. Das muss der Mensch zuerst sehen und erkennen. Denken führt zu Erkenntnissen, und Erkenntnisse können unser Handeln verändern.

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