Herr Teuwsen, Sie haben einst einen Artikel mit dem Satz begonnen: «Diese Zeilen nützen nichts.» Und dann die Politik der SVP kritisiert. Warum schreiben Sie trotzdem?
Peer Teuwsen: Weil man es tun muss, auch wenn es nichts nützt.

Sie schreiben für ein deutsches Medium. Nützt es deswegen nichts?
Nein, nein. Ich finde generell, dass der Journalist seinen Einfluss überschätzt. Aber Journalisten sind ein eitles Pack und verwechseln darum Ursache und Wirkung. Sie sollten sich etwas bescheidener benehmen.

Sprechen Sie auch von sich selbst?
Ja natürlich.

Wie viel an Ihrem Beruf ist Eitelkeit und wie viel ist politisches Interesse?
Natürlich steckt grosses Interesse dahinter. Ich würde nicht so viel investieren, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass meine Arbeit eine gewisse Notwendigkeit hat. Ich versuche, diesem Land – mit aller Bescheidenheit – einen Spiegel vorzuhalten, konstruktive Kritik zu üben. An den Rückmeldungen der Leser, an den Abozahlen sehe ich, dass dies offenbar ein grosses Bedürfnis ist. Es gibt in der Schweiz meines Erachtens fast keine Medien mehr, welche die grundsätzlichen Fragen dieses Landes behandeln. So wie die Parteien sich im Wahlkampf alle die Liebe zur Schweiz auf ihre Fahnen schrieben, so haben sich das auch viele Medien zu eigen gemacht. Aber das, was Meienberg, was Frisch und Dürrenmatt gemacht haben – ohne mich jetzt mit ihnen zu vergleichen –, diese ständige patriotische Selbstvergewisserung: Was soll dieses Land? Wo soll es hin? Das ging verloren und das versuchen wir auf den Schweiz-Seiten der ZEIT in aller Bescheidenheit wieder aufleben zu lassen.

Ich vertrete die These, dass Sie für ein deutsches Publikum in der Schweiz schreiben.
Das stimmt aber nicht. Als wir anfingen, konnten wir aus dem Abostamm lesen, dass etwa 50 Prozent Deutsche darunter sind, die in der Schweiz leben, und etwa 50 Prozent Schweizer. Heute, wo der Aboteil sehr gewachsen ist, sind vor allem Schweizer neu dazugekommen.

Was kriegen Sie für Resonanz?
Viele Leserbriefe und Anrufe. Auch auf Facebook finden Diskussionen statt.

Sind die Rückmeldungen positiv?
Nicht nur. Wenn ich einen SVP-Artikel schreibe, der sich kritisch mit dieser Partei und ihren Instrumenten der Empörungsbewirtschaftung befasst, dann erhalte ich anonyme Mails und Anrufe. Das ist auch ein Grund, wieso ich nicht mehr privat im Telefonbuch stehe. Es gibt auch Abo-Abbestellungen.

Trifft Sie das?
Mich beschäftigt jede Leserrückmeldung, sofern sie nicht persönlichkeitsverletzend ist. Einer schrieb einmal „Tötet Peer Teuwsen“. Das beschäftigt mich nicht, weil es lächerlich ist. Aber inhaltliche Kritik lässt mich sofort an dem zweifeln, was ich mache. Ich beantworte jeden Leserbrief, jedes Mail. Das ist auch ein Erfolgsgeheimnis der „Zeit“, dass sie ihre Leser sehr ernst nimmt. Ich finde, dass unsere Branche eigentlich dankbar sein muss, wenn sich die Leser überhaupt noch damit auseinandersetzen mit dem, was wir machen.

Ist das ein Grund für die steigenden Auflagezahlen?
Ja, das ist mit ein Grund. Aber wesentlicher ist, dass „die Zeit“ nie eine schlagartige Umstellung vorgenommen hat. Sie hat sich kontinuierlich modernisiert. Sie hat aberauch konservative Elemente beibehalten, wie zum Beispiel das Format. Das ist nicht verhandelbar, es ist ein Erkennungsmerkmal. „Die Zeit“ hat noch eine Seele. Das ist heute – auch aus ökonomischen Gründen – bei vielen Zeitungen verloren gegangen. Bei der „Zeit“ arbeiten die Leute noch mit Herzblut.

Wenn Sie für ein Schweizer Medium schrieben, könnten Sie ein grösseres Publikum erreichen.
Natürlich, ja. Aber ich bin zufrieden. Im Übrigen schreibe ich ja auch fürs Hauptblatt, und da bin ich mit über zwei Millionen Lesern ganz zufrieden.

Ein Schweizer Medium reizt Sie nicht?
Sag niemals nie. Aber was ich jetzt habe, ist eine Nische. Wir können relativ ungestört das machen, was wir für gut halten.

Ist es einfacher die Schweiz in einem deutschen Medium zu kritisieren?
Wir kritisieren ja nicht einfach bloß die Schweiz. Wir beschreiben sie, wir entdecken sie - und wir begleiten sie mit einer kritischen Liebe. Es ist wichtig, dass man begreift, dass wir die Seiten über die Schweiz aus der Schweiz heraus machen. Die Journalisten wie Matthias Daum und Ralph Pöhner, die mit mir dieses Seiten machen, sind alles Schweizer, die das Land kennen, die hier aufgewachsen sind. Die Schweiz ist sehr anders als Deutschland. Das habe ich selber erfahren, als ich mit sechs Jahren in die Schweiz kam. Ich brauchte viele Jahre, um dieses Land zu begreifen.

Wie ist die Schweiz anders?
Alleine vom politischen System, von der Geschichte ist sie fundamental anders als Deutschland. In der Sprache und in Mentalitätsfragen ist sie näher, aber das ausgeklügelte politische System gibt es auf der ganzen Welt nirgends. Das muss man einem Deutschen lange erklären, bis er einigermassen begriffen hat: Nationalrat, Ständerat, Volksinitiative und eine Regierung, die eigentlich nicht viel zu sagen hat.

Sie selbst fühlen sich als Schweizer?
Ich bin Schweizer. Und auch Deutscher. Mit einem kleinem Unterbruch, dem Studium in Berlin, lebe ich hier seit ich sechs Jahre alt bin.

Sie haben Ihr Büro in Baden eingerichtet. Kann man von hier aus den Zürcher Finanz- und Medienplatz und den politischen Betrieb in Bern besser beobachten?
Erstens ist Ralph Pöhner Wirtschaftsjournalist und weiß in Finanzfragen mehr als ich. Den Betrieb im Bundeshaus kann man besser beobachten von Baden aus, als wenn man als akkreditierter Journalist im Bundeshaus hockt, weil man sich sonst zu stark auf die Kleinkriege unter den Parlamentariern konzentriert. Unser Anspruch ist es, die grossen Fragen zu behandeln. Die beurteilt man besser mit einer gewissen Distanz.

Ist das ein Vorwurf an die Journalisten im Bundeshaus, sich zu stark auf diese Kleinkriege zu konzentrieren?
Nein. Ich mach ihnen keinen Vorwurf, ich würde nicht anders funktionieren. Ich will das einfach nicht.

Sie greifen immer wieder Medienschaffende in der Schweiz an. Steckt da auch ein publizistisches Ziel dahinter?
Nein! Das ist Leidenschaft. Ich greife meine Kollegen auch nicht pauschal an. Einer meiner Kritikpunkte ist aber, dass ich finde, dass viele Medien – online und gedruckt - Instrumente der SVP übernehmen: die Boulevardisierung, das Schwarz-Weiss-Denken. Das ist eine Kritik, die ich im Übrigen mit vielen Medienwissenschaftern und Journalisten teile.

Welche Schweizer Medien konsumieren Sie?
Ich habe alleine vier Tageszeitungen abonniert, die ich morgens um sechs zu lesen beginne. „Tagi“, „NZZ“, Aargauer Zeitung und „Le Temps“ und natürlich die Wochenzeitungen – wobei man da ja nicht mehr im Plural reden kann. Und die „NZZ am Sonntag“ und den „Sonntag“ habe ich auch abonniert.

Wochenzeitungen nicht mehr im Plural?
Ja es gibt ja nur noch die Wirtschaftszeitungen. Aber politische Publikationen…

Die WOZ gäbe es auch noch.
Ja das stimmt.

Als Sie bei der «Zeit» angefangen haben, sagten Sie, dass der Rechtskurs der «Weltwoche» einen gewissen Spielraum offen lasse, den Sie füllen wollten.
Ja. Ich will diesen Raum füllen mit einem Journalismus, der beide Seiten zu Wort kommen lässt. Die Weltwoche hat die Untugend entwickelt, dass sich darin fast nur noch die eigenen rechtskonservativen, SVP-nahen Kräfte äussern. Und wir versuchen einen Journalismus zu machen, wo beide Seiten zur Geltung kommen. Dadurch konnten wir viele Leser gewinnen, die mit der Weltwoche unglücklich waren.

Sie haben viele Gastautoren. Können Sie so Ihr Konzept umsetzen?
Natürlich. Dass auf meinen Seiten Schriftsteller, Künstler, Leute, die den Geist der konstruktiven Kritik, den Geist des guten Patriotismus vertreten, zu Wort kommen, ist mir ganz wichtig. Die Intellektuellen-Kritik, die grundsätzliche Skepsis gegenüber Leuten, die etwas denken, hat in der Schweiz zugenommen. Ich will ihnen ein Forum geben. Was nicht heisst, dass wir sie nicht auch kritisieren.

Machen Sie eine Intellektuellen-Zeitung?
Nein, ich will nur eine intelligente Zeitung machen.

Sie lachen.
Das sind natürlich Sätze, die man mit Inhalt füllen muss.

Und das gelingt Ihnen?
Ja, aber nicht immer. Wir hatten wichtige Artikel: Adolf Muschg mit einem grossen Essay, der viel Resonanz und Kritik auslöste, große, erhellende Interviews mit Hans-Rudolf Merz oder Jean-Claude Juncker. Und wir haben den ehemaligen Zürcher Regierungsrat Markus Notter als Kolumnisten, der in intelligentem und witzigem Ton das Land kommentiert. Darauf bin ich stolz. Natürlich gibt es Sachen, die nicht gelingen.

Haben Sie ein Beispiel dafür?
Es ist schwierig, Leute dazu zu bringen, überhaupt zu schreiben. Ich kassiere viele Absagen, weil die potenziellen Autoren Angst haben, sich öffentlich zu äussern. Die Leute wollen nicht mehr in die Medienarena, weil sie erfahren mussten, dass ihre Aussagen missbraucht werden. Aus einem Text wird ein einzelner Satz gezogen, der sich über Online-Medien verbreitet - meist völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Adolf Muschg kann ein Lied davon singen. Es braucht Kraft, mehr Kraft denn je, sich in die politische Arena zu begeben und die Prügel zu kassieren.

Wie motivieren Sie die Leute?
Indem ich sie an ihre staatsbürgerlichen Pflichten erinnere.

Schreiben für „die Zeit“ Patrioten?
Ich würde schon sagen. Die Leute, die noch etwas wollen von der Schweiz. Vom Projekt Schweiz. Die Schweiz ist ein Projekt, daran muss man arbeiten. Sie ist nicht einfach da. Diese Leute sollen für „die Zeit“ schreiben. Auch Politiker. Wir hatten ein Essay von Micheline Calmy-Rey, die titelte „Wir leben in einer Art Schock“. Das fand ich bemerkenswert von einer Bundesrätin. Solche Texte drucke ich gerne.

Verleidet es Ihnen nicht, dass aus diesen Texten Sätze und Wörter missbraucht werden?
Doch das ärgert mich schon. Aber was will man machen? Das sind diese Aufregungsmechanismen, die vor allem durch Online-Medien befördert werden, durch die Kommentarfunktion. Diese Kommentarfunktionen finde ich unsäglich. Das Newsnetz vom Tagi zum Beispiel, dort ist diese Kommentarfunktion sehr mächtig geworden ist. Diese Kommentare werden nicht oder nur mangelhaft bewirtschaftet. Ich verstehe nicht, dass da keine Manpower von der Redaktion zur Verfügung gestellt wird, diese Kommentare zu lesen und wenn nötig zu intervenieren. Bei der „Zeit“ sind mindestens fünf Angestellte dafür zuständig, den Kommentierenden zurückzuschreiben und sie aufzufordern, sich zu mässigen und Kommentare, die daneben gehen auch zu entfernen. Ich glaube, es geht kein Weg daran vorbei, die Leser in dieser Hinsicht zu erziehen. Sonst artet das aus. Und das dient der inhaltlichen Auseinandersetzung nicht.

Gibt es andere Möglichkeiten, diese Foren zu bändigen?
Ich glaube, es wird sich legen, sobald sich die Online-Medien professionalisieren. Man muss auch sagen, dass es sich bereits gebessert hat. Mit dem Ausbau der Online-Redaktionen wird es zu einer Qualitätsbesserung kommen. Ein Teil davon wird bestimmt in die Bewirtschaftung der Leserwut investiert werden.

Wandern Sie, wenn die SVP in den Wahlen weiter zulegt?
Warum sollte ich? Aber ich vermute, die SVP wird nur noch wenig zulegen können. Sollte sie tatsächlich über 30 Prozent kommt, würde mich das ein bisschen erschüttern.

Wieso erschüttern?
Das würde ja bedeuten, dass ein Drittel der Leute, die an die Urne gehen, eine Partei wählen, die die Schweizerischen Tugenden der Kompromissfindung, des Konsenses, den Willen zur Lösung ablehnt. Die SVP fordert den Dissens, sie spaltet die Gesellschaft. Das wäre schon besorgniserregend.

Sie haben also gewählt?
Natürlich.

Verraten Sie was?
Ich habe die SP-Liste eingelegt, aber viele Politiker darauf gestrichen. Ich setzte dafür vor allem FDPler drauf. Denn ich fände es eine Katastrophe, wenn die FDP marginalisiert würde. Die Partei, die diesen Staat gegründet und aufgebaut hat. Die SP-Liste warf ich ein, obwohl ich kein klassischer SP-Wähler bin. Deren Kampagne für den sozialen Ausgleich aber fand ich wichtig. Wenn die Schere zwischen reich, Mittelstand und arm immer weiter aufgeht, dann ist der soziale Frieden in diesem Land bedroht. Und der soziale Frieden ist eine der wichtigsten Säulen, auf der dieses schöne Land steht.

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