VON MARTIN AMREIN

Einfach mal die nächsten sechs Monate vor sich hin dösen. Was im Tierreich ein bewährtes Mittel zur Krisenbewältigung ist, könnte dereinst auch uns Menschen nützen. Winterschlaf heisst das Patentrezept – neue Forschungsergebnisse zeigen, dass wir die Fähigkeit dazu vielleicht noch immer besitzen.

Die US-Armee prüft derzeit die Möglichkeit, verletzte Soldaten in einen winterschlafähnlichen Zustand zu versetzen, damit sie an abgelegenen Orten ohne medizinische Hilfe länger überleben. Zudem könnten in Zukunft Astronauten die Reise zum Mars im Stand-by-Modus meistern. Bereits vor einigen Jahren hat die Europäische Weltraumbehörde (ESA) ein entsprechendes Forschungsprogramm lanciert.

Fernab jeglicher Realität sind diese Vorhaben nicht. Inzwischen ist klar, dass Murmeltier und Bär nicht als Einzige zum Leben auf Sparflamme befähigt sind. «Winterschlaf ist viel weiter verbreitet als bisher angenommen und keinesfalls auf den Winter oder auf Säugetiere beschränkt», sagt der Physiologe Gerhard Heldmaier von der Universität Marburg. Nicht Kälte, sondern Nahrungsknappheit oder Wassermangel bedinge meist die Flucht in den Energiesparmodus. Neben Säugetieren halten auch Vögel wie die Nachtschwalbe oder der Mauersegler Winterschlaf. Immer kleiner werdende Messgeräte ermöglichen die entsprechenden Beobachtungen.

«Mittlerweile können wir sogar Temperatursonden in den Bauchhöhlen von Tieren platzieren», berichtet Walter Arnold vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Universität Wien. Der Biologe hat Versuche mit Rothirschen in der Slowakei und Steinböcken in Graubünden durchgeführt. Auch sie drosseln in kalten Winternächten ihren Stoffwechsel: In der Brustregion von Hirschen kann die Temperatur auf 15 Grad fallen, in ihren Beinen sogar auf 3 Grad. «Unsere Gliedmassen würden das nicht aushalten», sagt Arnold. Den Tieren aber hilft der Wärmeentzug: «Ihr Energieverbrauch vermindert sich drastisch.»

Auf Madagaskar sorgen andere Überlebenskünstler für Aufregung im Lager der Winterschlafforscher. Dort verbringen tropische Fettschwanzmakis die Trockenzeit von April bis Oktober im winterlichen Sparmodus – und das bei Temperaturen von über 30 Grad. Von Kälteschlaf kann keine Rede sein. «Die Körpertemperatur der Halbaffen erreicht Werte zwischen 15 und 34 Grad und schwankt mit der Lufttemperatur», sagt Heldmaier. «Das Verhalten der Tiere ist eine Reaktion auf das knappe Nahrungsangebot dieser Jahreszeit.»

Das wirklich Erstaunliche daran ist: Fettschwanzmakis sind Primaten – sie gehören damit zur selben Gruppe von Säugetieren, zu denen auch wir Menschen zählen. Deshalb bilanziert Heldmaier: «Es spricht kein Grund gegen die Annahme, dass auch im menschlichen Erbgut der Drang zum Winterschlaf noch angelegt ist.»

Bislang sind die genauen Stoffwechselvorgänge, die bei uns das Energiesparprogramm aktivieren könnten, aber noch gänzlich unbekannt. Italienische Forscher um Marco Biggiogera von der Universität Pavia sind dem Geheimnis möglicherweise auf der Spur. Sie injizierten Erdhörnchen die opiumähnliche Substanz DADLE, worauf die Tiere in einen Winterschlaf fielen – auch im Sommer. Offenbar versetzt die Substanz auch menschliche Zellen in einen Ruhe zustand: Sie teilen sich langsamer und ihre Aktivitäten lassen nach.

«Von der Pille, die den Menschen in den Winterschlaf versetzt, sind wir aber noch weit entfernt», sagt Arnold. Zu viele Mechanismen seien der Forschung noch ein Rätsel. So auch die Gründe für die periodischen Aufwachphasen, die bei fast allen Winterschläfern vorkommen. Die alte Vermutung, dass Pinkelpausen nötig sind, liess sich nicht bestätigen.

Eine neuere Theorie scheint wahrscheinlicher: Die Tiere wachen auf, um zu schlafen. «Das mag absurd klingen», sagt Arnold. Ist es aber nicht: «Der Winterschlaf ist kein Schlaf im herkömmlichen Sinn, sondern eine Notfallmassnahme. Das Tier ist dabei praktisch hirntot.» Echtes Schlafen ist in diesem Zustand nicht mehr möglich. Ein Winterschläfer aber braucht Schlafphasen, um Hirnschäden und einen damit verbundenen Gedächtnisverlust zu vermeiden. Denn während er im Sparmodus dahin- dämmert, degenerieren Nervenendigungen. Das Gehirn muss in regelmässigen Abständen Reparaturarbeiten ausführen – und dies geschieht im Schlaf, so vermuten die Forscher.

Das zeigt, dass die Projekte von ESA und US-Armee den Status der Grundlagenforschung noch längst nicht überschritten haben. Ohne genauste Kenntnisse, wie die Übergänge zwischen Winterschlaf und echtem Schlaf zustande kommen, ist ein Winterschlaf für den Menschen mit Sicherheit nutzlos. Aus offensichtlichem Grund: Durch Hirnschäden verursachte Gedächtnislücken wären verheerend für einen Marsflug.

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